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Vollmeise versus Vollschleier

burka
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11. April 2011

Nun ist es amtlich: Musliminnen dürfen seit heute in Frankreich keine Vollschleier mehr tragen. Mit einer überragenden Mehrheit votierte der französische Senat für das Verbot. Nur ein einziger Abgeordneter erhob seine Stimme dagegen:

Sollte die muslimische Frau sich in der Öffentlichkeit mit Burka oder Nikab zeigen, droht ihr eine Strafe von 150 Euro; Männer, denen nachgewiesen werden kann, Frauen zum Tragen eines solchen Schleiers zu zwingen, sollen mit bis zu einem Jahr Haft und einer Geldstrafe von 30.000 Euro büßen. Auch hierzulande haben vereinzelte Stimmen immer wieder gefordert, das „Ganzkörpergefängnis“ abzuschaffen: Es sei ein Zeichen für die Unterdrückung der Frau und somit ein Verstoß gegen die Menschenrechte – und, darüber hinaus ein Sicherheitsrisiko, schließlich könne sich unter der Burka Weiß-Gott-Wer verstecken. Die Gegner des Verbots wiederum halten es meist mit Artikel 4 des Grundgesetzes: das Recht auf die Freiheit des Glaubens und die ungestörte Religionsausübung. 

Aus einem Randphänomen ist in kürzester Zeit überall in Europa ein Politikum geworden, die Burka polarisiert, sie ist zu einem der beliebtesten Stammtischthemen des letzten Jahres avanciert – und das, obwohl die meisten Europäer noch nie einer leibhaftigen Burkaträgerin begegnet sein dürften. Nach Angaben des französischen Innenministerium etwa tragen kaum mehr als 2000 Musliminnen der 65 Millionen Franzosen einen Vollschleier; in Deutschland dürfte die Zahl noch geringer sein, stammen doch viele der hier lebenden Muslime aus der Türkei, wo die Burka verpönt ist. Dennoch: Seit Sarrazin hat sich etwas verändert im öffentlichen Diskurs. Unverhohlene Kritik an Muslimen ist schick geworden, Europa, ja, selbst Deutschland wird populistischer, jeder Anlass ist recht, um seinem Unmut Ausdruck zu verleihen.

Ich bin immer stolz gewesen auf Deutschland und auch auf Europa doch jetzt mache ich mir Sorgen. Denn in der Debatte um die Burka kann es weder um Frauenrechte noch um Sicherheitsrisiken gehen, das geben die Statistiken schlicht und ergreifend nicht her. Vielmehr geht es um die Angst vor dem Fremden, um das Unbehagen vor der Veränderung, es geht um Deutschtümelei und engherzige Intoleranz. Der öffentliche Diskurs, die Kommentare im Internet – das alles zeugt von einer solchen Provinzialität, dass man sich schon fragen muss was los ist mit dem angeblich so aufgeklärten Westen. Seit wann denken wir darüber nach, Verbote zu erlassen, Ausgehsperren für Andersartige zu verhängen – und das auch noch unter dem Deckmantel der Gleichberechtigung und der demokratischen Grundordnung? Warum diskutieren wir in einer postmodernen Gesellschaft, in der ein Homosexueller Außenminister und eine Frau Bundeskanzlerin werden können, über Kleidungsstücke, die außer einem optischen Schreckmoment für uns kein nachgewiesenes Problem darstellen? Glauben wir wirklich, dass mit einem Verbot der Burka auch unsere Werteunterschiede vom Tisch wären?   

Die Debatte um die Burka ist eine Scheindebatte, die nur dazu führen kann, dass sich die Fronten innerhalb unserer Länder verhärten. Eher sollten wir unaufgeregt darüber reden, woher unser Unbehagen wirklich kommt. Halten wir es in unserer christlichen Tradition doch ausnahmsweise einmal mit der Bibel: Wer Wind säht, wird Sturm ernten.

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