Deutschlands vergessene Jugend
Rocker-Clubs, Familienclans, Straßengangs – gerade in sozial benachteiligten Bezirken werben Banden verstärkt um Jugendliche. Von Medien und Politik weitgehend unbeachtet akquirieren sie immer mehr Mitglieder. Schulen, Streetworker und Sozialarbeiter haben es schwer, die gefährdeten Jugendlichen überhaupt noch zu erreichen.
Dabei vertreten diejenigen, die es am besten wissen müssten – jene nämlich, die in so genannten Brennpunkt-Bezirken leben und arbeiten – eine gegenteilige Meinung. Die Unzufriedenheit unter jungen, sozial schwachen Menschen sei inzwischen so groß, dass sie sich durchaus in Gewalt entladen könne.
Was sagt es über unsere Demokratie aus, wenn viele, vor allem junge Menschen, nichts mehr von ihr erwarten? Wo kommen wir hin, wenn Jugendliche ihr Glück lieber in kriminellen Bandenstrukturen oder fundamentalistischen Gruppierungen suchen als in staatlich geförderten Einrichtungen? Und wie kann es in einem Land zu zwei so unterschiedlichen Antworten auf ein und dieselbe Frage kommen?
Darüber sprach DU HAST DIE MACHT mit Ihab Abou-Sahyoun, 18 Jahre alt und ehrenamtlich im sozialen Bereich tätig, Ines Grzyb, Straßen- und Sozialarbeiterin aus Reinickendorf Ost, und Jan Spieler, Sozialarbeiter und Projektleiter von Kingz of Kiez in Berlin Wedding.
Der britische Premierminister, David Cameron, stellte fest, England habe ein "Gang-Problem". Hat Deutschland auch ein Gang-Problem?
Jan Spieler: Das Hauptproblem in Deutschland ist, dass sich alle möglichen Gruppierungen für die Jugendlichen interessieren – aber die Gesellschaft nicht. Insofern halte ich das Wort „Gang-Problem“ für höchst irreführend. Aber ja: Es gibt in Deutschland Strukturen, die seit nicht allzu langer Zeit aktiv Jugendliche anwerben.
Ihab Abou-Sahyoun: Ich sag es mal so: Je kleiner das Angebot im sozialen Bereich wird, umso größer wird das Angebot in Bandenclubs. Die bieten einfach mehr Projekte an, da stehen dir die Türen immer offen – das ist so ziemlich die einzige Hand, die dir überhaupt zuwinkt. Inzwischen stehen sie überall, auch an der Kasse im Supermarkt. Die wissen genau, welcher Jungendliche gerade eine besonders große Polizeiakte hat – und den sprechen sie dann gezielt an.
Warum sind solche Banden gerade für benachteiligte Jugendliche interessant?
[MP3]images/stories/mp3/ibotyson_vaterstaat.mp3[/MP3][MediaAbout]Der 17-jährige Berliner Ibo Tyson schrieb einen Song über die Schließung des Jugendzentrums Badstraße. Lange hatte er für seinen Erhalt gekämpft – und am Ende doch verloren. Im Song "Vater Staat" versucht er Wut, Enttäuschung und Machtlosigkeit zu verarbeiten[/MediaAbout]
Das hört sich ja fast so an, als würden Banden sowohl Sozialarbeitern als auch politischen oder schulischen Einrichtungen Konkurrenz machen...
Jan Spieler: Das ist ja auch so. Ich hatte mal einen Schüler, der zu mir gesagt hat: „Weißt du, Jan, im Prinzip machen wir nichts anderes als du. Wir holen Jugendliche von der Straße und geben ihnen einen Ort, an dem sie Billard und Playstation spielen können.“ Das ist übrigens auch Teil des Problems: Gangs haben Geld, gerade Vollmitglieder sind gut betucht. Sie verleihen Kohle und "helfen" so bei allen möglichen Problemen. Im Gegenzug müssen sich die Mitglieder an starre Regeln halten – und sich widerspruchslos kriminellen Strukturen unterordnen.
Ines Grzyb: Das Gefährliche an solchen Gruppierungen ist, dass sie genau wissen, wie man den Zorn auffängt, der unter sozial benachteiligten Jugendlichen schwelt...
Ihab Abou-Sahyoun: ...deswegen treten ja auch immer mehr Ausländer ein. Viele Jugendliche, die ich betreue, fühlen sich als Menschen zweiter oder dritter Klasse behandelt, das ist so alltäglich, dass die darüber sogar Witze machen: Einer ohne Aufenthaltsgenehmigung zum Beispiel ist einer aus der Dreidreiviertel-Klasse. Und irgendwann denken sie, sie haben denselben Feind wie die Banden: Den Staat.
Ines Grzyb: Die setzen sich richtiggehend als "Opposition gegen den Staat" in Szene, mit oder ohne krimineller Energie. Mit unserem "Wird alles gut"-Gelaber können wir da nicht viel gegen ausrichten.
Seit wann sind Jugendliche durch "Wird-alles-gut-Sätze" denn schwerer zu erreichen als durch starre Regeln?
Ines Grzyb: Jugendliche sind von "den Mächtigen" sehr enttäuscht. Wir müssen nicht immer davon ausgehen, dass Jugendliche doof sind, die sagen Dinge, die sehr klar machen, was sie mitkriegen und denken. Das Schlimme daran ist, dass ich immer weniger Lust habe, ihnen zu widersprechen. Sie sehen so etwas wie den Guttenberg-Skandal und sagen dann "Und ihr macht mich an, wenn ich mal ein wenig spicke?" Oder die Finanzkrise. Da heißt es "die Banker sind die größten Verbrecher, also komm mir nicht mit so einem Mini-Diebstahl". Und damit haben sie ja noch nicht einmal unrecht.
Jan Spieler: Wie sollen wir denn die Gesellschaft vor einem Jugendlichen vertreten, wenn die, die die Regeln aufstellen sich schlimmer benehmen als die Jugendlichen um uns herum? Wie soll ich denn einem Jugendlichen, der straffällig geworden ist, sagen: "Nein, mach das nicht!", wenn ich mir gleichzeitig seinen Background anschaue und sehe, dass der seit Jahren keine Arbeitserlaubnis und kein Abendessen zu Hause hat?
Ines Grzyb: Zumal sich ja oft auch die Polizei als "Staatsmacht" total daneben benimmt. Polizisten sprechen auf eine Art und Weise mit den Jugendlichen, dass die sofort verstehen: „Das sind Machtspielchen, ihr habt kein Interesse an einem Dialog!“ Und dann organisieren sie sich eben selbst, geleitet vom Gedanken: "Wir wollen auch etwas abhaben, wir wollen dabei sein – aber wo ist der Raum?"
Könnte dieser Gedanke auch zu massiver Gewalt führen?
Ines Grzyb: Ohne Zweifel. Wir spüren die Stimmung.
Ihab Abou-Sahyoun: Es fehlt nur ein kleiner Anlass. Jeder wartet doch nur darauf mit einem Baseballschläger auf die Straße zu gehen! Ein Funke reicht, dann sind die alle draußen.
Ines Grzyb: Und so weit hätte es nun echt nicht kommen müssen. Es gibt so viele Studien und Erhebungen zum Sozialverhalten, wir kennen Ursachen und Folgen – aber es hat sich nichts getan. Im Gegenteil: Wir waren die ersten, die die Wirtschaftskrise zu spüren bekommen haben, jetzt werden unsere Kieze immer härter...
Ihab Abou-Sahyoun: ...wenn ich über Facebook einen Krawall-Aufruf starten würde, hätte ich in weniger als drei Tagen sehr viele Freiwillige zusammen. Also, die Bereitschaft dafür ist auf jeden Fall da.
Dennoch sagte Bundesinnenminister Friedrich (CSU) in Hinblick auf die Krawalle in Großbritannien vor ein paar Wochen: "Ich glaube, dass das in Deutschland nicht passieren kann". Hier sei es gelungen, junge Leute an die Gesellschaft heranzuführen...
Jan Spieler: Ich frage mich, in welchem Land unser Innenminister lebt – aber es ist sicherlich nicht da, wo ich mich aufhalte. Im Bezirk Berlin-Mitte wurden seit 2009 die Gelder für Jugendarbeit um die Hälfte gekürzt. Berlin hat 45 Milliarden Euro Schulden. Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander, ganze Generationen werden als "verloren" deklariert. Das Problem mag bei uns vielleicht nicht so sichtbar sein wie in London oder Frankreich – noch. Aber hier wird es in den nächsten zwei, drei Jahren ähnlich aussehen.
Ines Grzyb: Es herrscht große Unsicherheit unter den Jugendlichen, es gibt kaum Beteiligungsmöglichkeiten, dazu kommt Alltagsrassismus, gerade in Schulen und Behörden. Unsere Ausbildungspolitik ist katastrophal, der Zugang zum Arbeitsmarkt ist für viele Jugendliche unmöglich. Es werden für einfache Handwerksberufe Abschlüsse gefordert, die unser Bildungssystem überhaupt nicht leistet. Viele Jugendliche machen eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme nach der anderen - dass eine solche Perspektivlosigkeit irgendwann in Frustration umschlägt ist für mich echt nachvollziehbar.
Jan Spieler: Überall um uns herum zeigen junge Menschen, dass sie Probleme haben: in Spanien oder Griechenland durch politischen Protest, in Frankreich und England auf sehr unschöne Weise durch gewalttätigte Krawalle.
Im Londonder Bezirk Tottenham ist das soziale Angebot in den letzten Jahren immer kleiner geworden, Jugendzentren sind im Zuge von sozialen Kürzungen geschlossen worden, viele junge Menschen hingen auf der Straße herum – sieht die Realität in Reinickendorf oder Wedding ähnlich aus?
Jan Spieler: Ja. Ich glaube, in allen Städten die finanziell so aufgestellt sind wie Berlin, ist es absoluter Trend, Jugendzentren zu schließen.
Ihab Abou-Sahyoun: Es gibt schon ein paar Jugendzentren – aber die Angebote sind schlecht und die Arbeit, na ja: pädagogisch nicht besonders wertvoll. Manche Jugendliche zum Beispiel dürfen die Jugendclubs nicht betreten, weil sie den falschen Nachnamen haben, also weil ältere Generationen aus der Familie vielleicht kriminell waren oder ähnliches. Ist doch klar, dass die dann auf der Straße rumhängen.
Ines Grzyb: In jedem Fall gibt es viel zu wenig Strukturen, die Jugendliche wirklich interessieren. Dabei gäbe es so viele Möglichkeiten, sie über unkonventionelle Bildungswege zu erreichen! HipHop und Graffiti etwa haben sehr viel Potenzial – aber die gesellschaftliche Akzeptanz dafür ist gleich Null. Als ich in Reinickendorf als Sozialarbeiterin angefangen habe, war es verboten, in größeren Gesprächsrunden "Graffiti" zu sagen, wir mussten stattdessen "Wandmalerei" sagen – das muss man sich mal vorstellen!
Aber es müsste doch gerade im Interesse der Politik sein dafür zu sorgen, dass die Jugend eben nicht "auf der Straße rumhängt", sondern etwas zu tun hat...
Jan Spieler: Ja klar. Das sagen sie ja auch alle. Aber wir leben in einem Wirtschaftssystem. Bei uns hat sich das Denken eingeschlichen, dass jede Investition etwas Handfestes, sofort Messbares zur Folge haben muss. Das funktioniert aber im sozialen Bereich nicht, in der Bildung übrigens auch nicht: Wir müssen verhältnismäßig lange warten, bis die Ergebnisse sichtbar werden. Deshalb ist Sozialarbeit überhaupt nicht anerkannt mit dem, was sie leistet und zu leisten hat – und wird von der Politik längst nicht ernst genug genommen.
Ines Grzyb: Dazu kommt, dass Jugend viel zu schnell kriminalisiert wird, und zwar von allen Seiten. Selbst Sozialarbeiter schieben die Schuld gerne auf Jugendliche. Dabei ist es doch andersherum: Wir tragen die Verantwortung, nicht die. Wenn wir auf der Straße angerempelt werden, dann müssen wir uns fragen, was wir falsch gemacht haben - und nicht mit dem Finger auf die Jungen zeigen. Das müsste endlich einmal bei allen Erwachsenen ankommen...
Jan Spieler: ...stattdessen macht man es sich lieber einfach und deklariert eine ganze Generation als verloren. Alles andere würde ja Zeit erfordern. Und Interesse. Im Übrigen: Selbst wenn ein Jugendlicher straffällig wird, heißt es noch lange nicht, dass er ein schlechter Mensch ist. Selbst dann kann ich nach Ursachen forschen – und nicht einfach härtere Strafen oder mehr Polizei fordern.
Wie kommt es, dass in der breiten Öffentlichkeit so wenig über diese Themen gesprochen wird? Verschließt die Politik wissentlich die Augen oder sind die Probleme in den Brennpunkten für Außenstehende einfach nicht sichtbar genug?
Jan Spieler: Ich kann nur immer wiederholen: mangelndes Interesse. Wer wirklich sehen will, der sieht auch. Aber es gibt praktisch keinen Kontakt zwischen Arm und Reich, sozial schwache Menschen werden in unserer Gesellschaft nicht angehört, sondern in eine Ecke gestellt, die ihren Argumenten schon im Vorhinein jegliche Glaubwürdigkeit nimmt. Und das gilt nicht explizit für "Menschen mit Migrationshintergrund", auf die wir ja immer so gerne den Fokus legen, das gilt für alle sozial benachteiligten Menschen. Ein gut situierter Mensch mit Migrationshintergrund ist ja meist gut integriert in der deutschen Gesellschaft.
Ines Grzyb: Allerdings müssen auch wir Sozialarbeiter unsere Rolle überdenken. Wir sollten viel politischer werden, uns gesammelt mit den Jugendlichen solidarisieren und öffentlich sagen: "Ihr habt Recht. Es interessiert sich keiner für euch und wir schlagen jetzt so lange Lärm, bis es alle begreifen". Stattdessen lassen wir uns kampflos vom Senat die Mittel kürzen und blasen den Ausflug mit den Jugendlichen ab, den wir eigentlich geplant hatten.
Jan Spieler: Und wenn man Politiker darauf anspricht, dann sagen sie: "Ich hab mir die Arbeit von dem und dem doch angeschaut – und es gibt sehr wohl tolle Angebote!" Nur haben sich die Träger da bestimmt auch nicht alltäglich präsentiert. Dann gab es wahrscheinlich einen Fototermin, alle haben gelächelt, alles war wunderbar – so ist es ja nicht im echten Leben.
Ihab Abou-Sahyoun: Ich habe so viele Förderanträge geschrieben, dass ich inzwischen ein Buch daraus machen könnte – aber keines der Projekte ist durchgekommen. Ich fände es wirklich sinnvoll, wenn Politiker auf uns zukämen, um mit uns Jugendlichen darüber zu sprechen, was wir möchten und brauchen. Und zwar nicht nur im Wahlkampf. Denn uns fragt nie jemand.
Ines Grzyb: Ich wünsche mir, dass Politiker mal einen Tag Undercover durch Brennpunkt-Bezirke fahren würden, also ohne sich vorher anzukündigen. Aber nicht, um nachher zu sagen: "Oh, das läuft ja alles schrecklich" und die Mittel zu kürzen. Sondern um sich ernsthaft mit möglichen Lösungen auseinanderzusetzen.
Das Gespräch führte Anna Mauersberger