Öl ins Wasser
Auch Jahrzehnte nach dem Unglück verklumpen teilweise auch heute noch Ölspuren die Küsten. Und somit auch Muscheln und andere Kleinlebewesen, die wichtig für die Balance des Ökosystems sind. Exxon Valdez, Prestige, Sandoz – längst gehören diese Namen zum allgemeinen Katastrophengedächtnis wie Tschernobyl. Eine Auswahl soll zeigen, welche Dimensionen und welche Folgen die Tonnen an Öl und Gift für Meer, Flüsse und Seen hatten.
Torrey Canyon, 1967
Als der neun Jahre alte US-Tanker "Torrey Canyon" am 19. Februar 1967 in Kuwait in See stach, ahnte die italienische Crew noch nicht, dass sie mitsamt ihrer Fracht Geschichte schreiben würde. Knapp einen Monat später, am 18. März, war es so weit. In den frühen Morgenstunden, gegen halb sieben, tauchten die Scilly-Inseln auf dem Radarschirm auf, eine Inselgruppe knapp 50 Kilometer südwestlich vor der englischen Küste bei Cornwall. Der Käpt'n bemerkte zu spät, dass er einen falschen Kurs genommen hatte. Der Tanker mit rund 120.000 Tonnen Öl an Bord rammte das Seven-Stones-Riff und brach entzwei, das Öl floss aus. Der Unfall der "Torrey Canyon" gilt als die erste große Öltankerkatastrophe. Frühere Schiffe hatten weniger Hubraum – und somit eine geringere Menge gefährlicher Fracht an Bord. 1967 existierten folglich noch keine Pläne für derlei Notfälle. Um den Tanker zu versenken oder zumindest den Ölteppich zu verbrennen, bombardierte die Royal Air Force das Schiff mit Bomben, Raketen, Benzin und Napalm, berichtete die BBC einige Tage nach dem Unglück. Vergebens. Die Bilanz: ein Ölteppich im Ausmaß von zwischenzeitlich etwa 56 auf 32 km, verschmutzte Küsten in England, der Normandie und der Bretagne sowie rund 200.000 tote Vögel. "Die schlimmste Umweltkatastrophe aller Zeiten", kommentierte die BBC bereits am 29. März 1967. Als Konsequenz entstand unter anderem das "Internationale Übereinkommen zur Verhütung der Meeresverschmutzung durch Schiffe" von 1979.
Ixtoc I, 1979
Bahia de Campeche im Golf von Mexiko: Hier fördert Pemex, der staatliche Mineralölkonzern Mexikos, das schwarze Gold. Am 3. Juni 1979 explodierte die Bohrinsel Ixtoc I. Der Ölteppich erstreckte sich bald bis zum mexikanischen Festland, selbst die Küste von Texas war angeblich streckenweise mit Öl überzogen. Der eigentliche Skandal: Das Bohrloch konnte erst ein Dreivierteljahr später, im März 1980, geschlossen werden. Bis dahin flossen etwa 170.000 Tonnen Rohöl ins Meer. Die Ölkatastrophe von Ixtoc I gilt als die zweitgrößte aller Zeiten.
Sandoz, 1986
In der Nacht zum 1. November 1986 brannte in der Nähe von Basel eine Chemiefabrik. Der Name "Sandoz" ist seither gleichbedeutend mit Chemieunfall, Rheinverschmutzung, Fischsterben. 20 bis 30.000 Tonnen Pflanzenschutzmittel strömten damals mit dem Löschwasser in den Rhein, über eine Strecke von mehreren hundert Kilometern stromabwärts starben die Fische, als Trinkwasserquelle war der Fluss fortan tabu. "Die damalige Katastrophe bewirkte ein Umdenken in Politik und Industrie", kommentierte Angela Merkel zehn Jahre nach dem Unfall als Bundesumweltministerin unter Helmut Kohl. Nach dem Brand flossen rund 60 Milliarden Euro in die Rettung des Oberrheins. Zum 20. Jahrestag, im Herbst 2006, hieß es, die Fischfauna sei mit 63 Arten fast wieder komplett, sogar die Lachse seien zurückgekehrt. Und: Im Rhein kann man mittlerweile auch wieder baden.
Exxon Valdez, 1989
10.000 Helfer, 1.000 Boote, 100 Flugzeuge – das war "Exxons Army, Navy und Air Force", auf dem Höhepunkt der Aufräumarbeiten. Der Öltanker Exxon Valdez lief am 24. März 1989 in Alaska auf Grund. Der Tanker ohne Doppelhülle schlug Leck, als drei Tage später ein Sturm aufkam, konnte das Öl nicht mehr geborgen werden. Rund 40.000 Tonnen Rohöl gerieten ins Meer und verschmutzten schließlich über etwa 2.000 Kilometer Küste. Die Angaben über die Zahl der verendeten Tiere variieren stark: zwischen 250.000 und 675.000 Seevögel, etwa 10 Prozent des Seeotter-Bestandes, 300 Robben und über 20 Schwertwale. Der Treuhänderrat Evostoc verwaltet bis heute die hohe Geldstrafe, zu der Exxon wegen Verbrechen an der Umwelt verurteilt worden war: Laut Evostoc belaufen sich die Schadenszahlungen auf über eine Milliarde Dollar, noch immer wird damit das Ökosystem Alaskas wiederhergestellt, zeitweise gab es auch Ersatz für die Einkommensausfälle der Fischer. Greenpeace verweist auf Untersuchungen, nach der noch im Jahr 2001 die Küste am Prince-William-Sund über sieben Kilometer mit Öl verschmutzt war und zwei Dutzend Vogelarten sowie Muscheln und Heringe sich noch immer nicht von der Katastrophe erholt hätten.
Golfkrieg, 1991
Die Ölkatastrophe, die bislang auf Platz 1 rangiert, hat weder mit einer Bohrinsel noch mit einem Tanker zu tun. Während des Golfkriegs leitete der Irak Schätzungen zufolge knapp eine Million Tonnen Öl von Kuwait aus in den Persischen Golf, teils floss es aus getroffenen Pipelines. Der Ölteppich war am Ende 700 Kilometer lang, die Fauna der saudi-arabischen Küste komplett zerstört. Bereits vor dem Golfkrieg, so Greenpeace, gerieten aufgrund undichter Leitungen jährlich 160.000 Tonnen Öl ins Meer.
Prestige, 2002
230.000 tote Vögel, gefunden an den Küsten Frankreichs, Portugals – und Spaniens. Noch Monate nach dem Untergang der Prestige im November vor der Küste Galiziens hielten Helfer in weißen Schutzanzügen schwarz-glänzend bedeckte Vögel in die Kameras europäischer Fernsehsender. 40.000 Tonnen Öl hatten rund 3.000 Kilometer europäischer Küsten verschmutzt. Der Grund der Havarie, so ein US-Gutachten im Herbst 2006, solle eine Monsterwelle vor der spanischen Küste gewesen sein. Die Prestige war Baujahr 1976 und wie auch die Exxon Valdez lediglich einwandig – bis 2015, so ein internationales Abkommen, sollen Doppelhüllen Pflicht sein.
China: Benzol, 2005
C6H6 ist die Formel für Benzol. Benzol ist selbst in kleinen Mengen hochgiftig. Und krebserregend. Nach einer Explosion in einer Chemiefabrik in der ostchinesischen Provinz Jilin gelangte der Stoff im November 2005 tonnenweise in den Strom Songhua. Offiziell waren es 100 Tonnen Benzol, die in einem 80 Kilometer langen Teppich auf dem Fluss schwammen, die Konzentration im Wasser war streckenweise 108 Mal höher als erlaubt. Die Trinkwasserversorgung in der Millionenstadt Harbin wurde damals tagelang unterbrochen, Wochen später war das Gift bis Russland gekommen. In Deutschland sind Stoffe mit einer Benzol-Konzentration über 0,1 Prozent verboten.
Libanon-Bomben, 2006
Erst im vergangenen Sommer schwappte das schlierig-klumpige Öl über Teile des Mittelmeers. Mitte Juli hatte Israel den Libanon bombardiert, unter anderem ein Kraftwerk bei Beirut. Zwischen 20.000 und 35.000 Tonnen Heizöl gerieten so ins Mittelmeer, die libanesische, syrische und maltesische Küste war verschmutzt. Der Ölteppich, der auf dem Meer trieb, war bis zu 90 Kilometer lang und knapp 30 Kilometer breit. Die Kosten für die Beseitigung des Öls, so die Schätzungen der libanesischen Regierung, beliefen sich auf 50 bis 100 Millionen US-Dollar.
Anne Haeming schreibt für Print- und Onlinemedien. Sie lebt in Berlin.