Krasse Kleinkriminelle
Artikel über den Streit um einen Moscheebau, Sondersendungen über Ehrenmorde und die Rütli-Schule: Wenn Deutsch-Türken in den Medien sind, dann stehen oft Probleme im Mittelpunkt. Mitbürger/innen mit Migrationshintergrund, kurz: "MiMiMis" (taz), tauchen meist als "das Fremde" auf.
Unser Partner fluter.de fragte Seref Erkayhan von der Türkischen Gemeinde in Deutschland nach der Rolle der Medien in Sachen Integration.
Als Sie heute Morgen die Zeitung aufgeschlagen haben: Gab es einen Artikel über Migranten/innen, mit dem Sie einverstanden waren?
Nein, leider nicht. Gestern war zum Beispiel gar nichts drin, heute gab es nur einen Bericht, in dem die Deutsch-Türken/innen ausschließlich als Konsumenten/innen dargestellt wurden. Und das ist nicht gut? Die Lebensweise von Einwanderern/innen findet in deutschen Medien kaum statt, die Alltagsrealität muss aber genauso auftauchen wie etwa gesellschaftlicher Erfolg von Migranten/innen. Es gibt sie wirklich, die erfolgreichen Migranten/innen! Ob die Schauspielerin Renan Demirkan, Regisseur Fatih Akin, Politiker wie Cem Özdemir oder Leyla Onur oder die Altintop-Brüder beim Fußball. Stattdessen halten sich vor allem im Fernsehen hartnäckig Klischees: Da ist der türkische Kleinkriminelle, die Familien, in denen nur die Männer was zu sagen haben und es nur um die Ehre geht, oder die Brutalos, die außer dem Wort "krass" keine anderen Vokabeln kennen. Und natürlich die hilflosen Deutschen, die sich auf das Abenteuer "Türken" einlassen wie auf die "verrückte türkische Hochzeit" (Name eines Pro7-Spielfilms aus dem Frühjahr 2006, Anm. d. Red.).
ARD und ZDF planen nun einen so genannten Integrations-Sender – eine Art arte auf türkisch. Was halten Sie davon?
Die Idee ist gut – ein eigener digitaler Spartenkanal mit drei bis vier Stunden Sendezeit für die Zielgruppe Migranten/innen. Aber es reicht natürlich bei weitem nicht aus, dort nur eine deutsch-türkische Version der Quizshow "Wer wird Millionär" oder die ARD-Serie "Türkisch für Anfänger" zu senden. Damit durch Medienkonsum kein Nebeneinander, sondern mehr Miteinander entsteht, müssen weitergehende Konzepte her.
2011 hat die ARD/ZDF-Medienkommission die Studie "Migranten und Medien" erstellt. Es wurden 3.300 Migranten zu ihrer Mediennutzung befragt. Laut der Studie sehen 3/4 der Migranten in erster Linie deutschsprachige Programme. Das Fernsehen gilt noch vor Radio und Internet als Leitmedium. Allerdings wird das Privatfernsehen von der jungen Zielgruppe bevorzugt, während Ältere lieber die öffentlich-rechtlichen Programme einschalten.
(Quelle: Westdeutscher Rundfunk - "Migranten und Medien 2011")
Zum Beispiel?
Es fängt damit an, dass auch Migranten/innen in angesehenen Berufen zu sehen sein sollten, etwa als Ärzte/innen oder Richter/innen. Das Thema darf nicht in Nischenprogramme abgeschoben werden – es gehört in alle Formate und Genres, ob Nachrichtensendung oder Spielfilm. Wir nennen das "Migration Mainstreaming". Das heißt unter anderem, dass die Sender verstärkt Migranten/innen vor und hinter der Kamera einsetzen sollen, es müssen mehr Moderatoren/innen und Schauspieler/innen mit Migrationshintergrund auftauchen, die die Vielschichtigkeit der multikulturellen Bevölkerung Deutschlands widerspiegeln. Dabei dürfen Migranten/innen besonders vor der Kamera nicht auf das Thema Migration an sich beschränkt werden. Ganz wichtig wäre übrigens auch, dass Migranten/innen verstärkt in Rundfunk- und Fernsehräte sowie in Entscheidungsprozesse eingebunden werden.
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Was hat sich in den vergangenen Jahrzehnten denn in der Berichterstattung verändert?
Da kann ich leider nichts Gutes sagen. Zum einen wird meist übersehen, dass viele Probleme der Migranten/innen nichts mit ihrer Herkunft zu tun haben, sondern allein mit ihrem sozialen Status. Zum anderen ist in den deutschen Medien – besonders nach dem Ende des Ost-West-Konflikts und nach dem 11. September – das Türkei-, Islam- und Orientbild zunehmend negativ geworden. Migranten muslimischen Glaubens werden im Fernsehen häufig als Kriminelle, glaubensfanatische potenzielle Terroristen und Fundamentalisten gesehen. Deutsch-Türken werden vorwiegend als Problemgruppe, Frauenunterdrücker, Ehrenmörder präsentiert. Bei der Diskussion über Schläfer, Parallelgesellschaft, Ehrenmorde und Zwangsheirat hat man den Eindruck, ständig argwöhnisch beobachtet zu werden.
Und was ist mit den ganzen Comedies, in denen Türkinnen und Türken mitspielen?
Das ist die erfreuliche Seite: Menschen mit Migrationshintergrund sind teilweise im Fernsehen angekommen. Noch schöner, dass dabei einige interkulturelle Probleme auf witzig-ironische Art und unterhaltsam aufgearbeitet werden. Die Mikrozensus-Studie zeigt nicht nur, dass knapp ein Fünftel der bundesdeutschen Bevölkerung ausländischer Herkunft sind, und belegt damit, dass Deutschland faktisch ein Einwanderungsland ist. Darüber hinaus unterstreicht die Studie auch, wie wichtig es ist, dass Deutsche und Migranten/innen ihr Zusammenleben gemeinsam gestalten, in allen gesellschaftlichen Lebensbereichen. Dabei spielen Medien, vor allem das Fernsehen, eben eine sehr entscheidende Rolle: Schließlich beeinflussen die Medien Wahrnehmung, Beurteilung, Verhaltensweisen und Gewohnheiten der Bevölkerung enorm.
Die zwei bekanntesten Comedy-Serien mit Darstellern mit Migrationshintergrund sind "Alle lieben Jimmy" (RTL) und "Türkisch für Anfänger" (ARD). In "Alle lieben Jimmy" übernahm die Ex-VIVA-Moderatorin Gülcan Kamps die Rolle der Leyla. Elyas M'Barek (derzeit gemeinsam mit Nora Tschirner in "Offroad" im Kino zu sehen) spielte in "Türkisch für Anfänger" die Rolle des Cemal Öztürk.
Aber dazu muss man die entsprechenden Medien auch nutzen.
Die ältere Generation konsumiert tatsächlich eher türkische Medien. Dank der technischen Entwicklungen kann man hier ja Sender aus der Türkei zeitgleich empfangen. Die Jüngeren nutzen aber sowohl die deutschen als auch die türkischen Medien, das liegt nicht zuletzt an den besseren deutschen Sprachkenntnissen. Es gibt dazu sogar eine Studie des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung von 2001, in der heißt es, dass nur noch 17 Prozent der Befragten türkischer Herkunft ausschließlich türkischsprachige Medien nutzen. Und es werden immer weniger, weil diese Zahl vor allem die erste Generation betraf. Es ist doch so: Sie können sich aus dem deutschen und türkischen Medienangebot der beiden Welten die Rosinen herauspicken.
Gibt es Themen, die Deutsch-Türken/innen besonders wichtig sind?
Die Türken/innen sind nicht von einer anderen Welt. Sie leben in Deutschland und interessieren sich für Themen, die für alle in Deutschland lebenden Menschen von Interesse sind. Dazu zählt der Papstbesuch in Bayern genauso wie die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands oder das Thema Arbeitslosigkeit. Aber natürlich schauen sie auch hin, wenn es um innere Sicherheit geht, wenn über Ausländer/innen debattiert wird oder bei differenzierten Reportagen mit und über Deutschland-Türken/innen.
Medien und Integration – was muss sich da Ihrer Meinung nach in Deutschland ändern?
Die deutschen Medien sind sich ihrer Verantwortung für die Integration von Migranten/innen nicht bewusst, das spiegelt sich nicht zuletzt in der Berichterstattung über Integration wider. Natürlich sollen auch unbequeme Fragen über Türken/innen und Deutsche nicht verharmlost oder heruntergespielt werden, pauschale Verurteilungen und wechselseitige Bezichtigungen helfen da nicht gerade. Aber manchmal fragt man sich schon, ob es deutsche Zeitungen und Sender überhaupt interessiert, worüber Deutsch-Türken/innen zu Hause diskutieren. Dabei hat das Zusammenleben mit Menschen aus unterschiedlichen Kulturen seit 44 Jahren Deutschland wirklich gut getan. Die Bundesrepublik ist in jeder Hinsicht reicher, bunter, weltoffener geworden. Gerade diese Vorteile des multikulturellen Zusammenlebens sollten in deutschen Medien mehr im Mittelpunkt stehen als die lösbaren Probleme.
Zur Person:
Seref Erkayhan (Jahrgang 1971) ist stellvertretender Bundesvorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland TGD und beschäftigt sich unter anderem mit der Darstellung von Migranten/innen in deutschen Medien.
In Turgutlu geboren, kam er 1992 nach Karlsruhe, studierte Maschinenbau und blieb dort hängen.
Anne Haeming ist fluter-Volontärin bei der bpb (Bundeszentrale für politische Bildung).
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