Bloggen für die Revolution
Redakteurin Anna sprach mit der ägyptischen Bloggerin Mona Seif über die Revolution, die Pressefreiheit und ihre Erlebnisse in Kairo.
Gestern war der Tag der internationalen Pressefreiheit. "Buahh!", mag sich manch einer denken, "lang-wei-lig!" (und außerdem einen Tag zu spät, Schelte an die Autorin!). Für uns Deutsche, die wir in einem Land leben, in dem die Presse mehr oder weniger schreiben darf, was sie möchte, mag das Thema Pressefreiheit tatsächlich "von gestern" sein.
Deutschland wird von Reporter ohne Grenzen auf Platz 17 von 178 Ländern gelistet, wir können uns wahrlich nicht beklagen. Klar: Auch bei uns kommen viele Themen zu kurz, werden einseitig behandelt oder viel zu breit gewalzt. Man erinnere sich etwa an die Sarrazin-Debatte: Nicht alle deutschen Zeitungen unterstützten Sarrazins Parolen, aber sie gaben seinen Äußerungen allesamt wochenlang eine Plattform und verhalfen ihm so zu unglaublicher Popularität. Migranten kommen grosso modo in unseren Medien eher schlecht weg; Hartz IV-Empfänger auch; Wikileaks fanden erst - über den Kamm geschoren - alle Zeitungen super und dann plötzlich furchtbar kriminell, und das sind nur ein paar Beispiele der unzähligen, die mir spontan einfallen. Dennoch: Wir leben in einem Land der freien Denke - und das ist ein unschätzbares Gut.
In anderen Teilen dieser Erde sieht die Lage ganz anders aus. Dort riskieren Journalisten ihr Leben dafür, zu informieren – im festen Glauben daran, dass Information über kurz oder lang zu Veränderung führt. Für sie ist gerade das Internet eine riesige Erleichterung – wenngleich es natürlich auch keine Rettung darstellt. Die Revolten, die nach und nach viele arabische Staaten erfasste, ist zu großen Teilen auch dem Internet geschuldet. Ich war selbst vor ein paar Wochen in Ägypten (das Reporter Ohne Grenzen im Oktober 2010 auf Platz 127 listet) und habe auf dem Tahrir-Platz in Kairo mit der so genannten "Facebook-Generation" spannende Stunden verlebt. Sie alle haben mir bestätigt, dass das Internet gerade in den Anfängen der Unruhen unheimlich wichtig war, um den Diktator, Hosni Mubarak, zu stürzen (und mir danach gefühlte 1000 Freundesanfragen via Facebook geschickt). Sie alle haben gekämpft und kämpfen immer noch für eine bessere Zukunft, virtuell und im "echten Leben".
Mona Seif ist eine von ihnen. Sie bloggt seit Jahren gegen das ägyptische Regime und ist eine der wichtigsten kritischen Stimmen im Land. Seit dem 25. Januar 2011 hat sich ihre Lebensrealität gründlich verändert: Auf einmal scheint es möglich geworden zu sein, in Kairo zu bleiben, zu arbeiten, Karriere zu machen – und zwar nicht als Bloggerin, sondern als Biologin. Auf dem taz-Medienkongress "Die Revolution haben wir uns anders vorgestellt" in Berlin habe ich sie wiedergetroffen – und spontan das folgende Interview mit ihr aufgenommen.
Mona Seif riskiert immer noch jeden Tag ihre Freiheit, um Menschen darüber zu informieren, was in Ägypten vor sich geht – denn obgleich sich die Lage dort gebessert hat, hat sie sich noch lange nicht beruhigt. Vor nicht einmal drei Wochen etwa wurde der ägyptische Blogger Maikel Nabil Sanad zu drei Jahren Haft verurteilt; ein Militärgericht befand den Onlineaktivisten für schuldig, falsche Informationen veröffentlicht und die "öffentliche Ordnung" gestört zu haben. Mona Seif und ihre Blogger-Kollegen könnte dasselbe Schicksal ereilen - und trotzdem geben sie nicht auf. Auch für deutsche Medien war die 25-Jährige immer wieder eine wichtige Informationsquelle, sie gab unzählige Interviews, in denen sie während der Revolution (als sich die deutsche Öffentlichkeit noch für Ägypten interessierte) die Situation auf dem Tahrir Platz schilderte (auf den sich damals viele deutsche Reporter gar nicht trauten). Ihr findet Monas Schilderungen aus Ägypten über Twitter, Facebook und über ihr Blog unter dem Namen "monasosh".