Boualem Sansal kritisiert Europa
Am 16.Oktober wird auf der Frankfurter Buchmesse der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen. Dieses Jahr geht die begehrte Auszeichnung an den Algerier Boualem Sansal. DU HAST DIE MACHT traf den Autor zum Interview.
Am 16.Oktober wird Ihnen der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen. Wie haben Sie reagiert, als Sie davon erfuhren?
Mein erster Gedanke war: Das ist ein Witz! Schriftsteller veralbern sich ja gern mal und schlagen sich gegenseitig für den Nobelpreis vor und solche Sachen. Außerdem war die E-Mail, die ich dazu erhalten habe, in sehr schlechtem Französisch verfasst. Das klang ungefähr so: „Wir würden Ihnen gerne einen Brief zeigen, in dem es um den Buchpreis geht.“ Ich habe einen Moment gebraucht, um zu verstehen, dass die angehängte Datei gemeint war: Da war er, der Brief. Ein offizielle Anschreiben, das mich schwarz auf weiß zu der Auszeichnung mit dem Friedenspreis beglückwünschte.
Warum, denken Sie, hat die Jury gerade Sie ausgewählt?
Es hat sicherlich viel mit der aktuellen Lage in der arabischen Welt zu tun. Der Friedenspreis ist eine gute Gelegenheit, Solidarität und Unterstützung mit den Revolutionären in Nordafrika zum Ausdruck zu bringen.
Aber warum ist die Wahl gerade auf Sie gefallen und nicht auf einen anderen arabischen Autor?
Vielleicht, weil ich wirklich noch in einem dieser Länder lebe. Die meisten Schriftsteller aus Marokko, Lybien, Algerien, Ägypten – die leben doch alle im Ausland. Die Mehrzahl algerischer Autoren etwa lebt schon lange in Frankreich.
Sie wurden 2003 aus dem Staatsdienst entlassen und haben daraufhin Ihr Leben dem Schreiben gewidmet. Wie kam es dazu?
Mein erster Roman erschien bereits im Jahr 1999 in Frankreich, abgesägt wurde ich allerdings erst 2003 - aber nicht wegen meiner Bücher. Sondern wegen regime-kritischer Äußerungen, die ich in einem Interview mit der französischen Presse gemacht hatte, ich glaube, es war "Le Monde". Als ich nach Algerien zurückkehrte, erfuhr ich, dass mein Chef mich entlassen hatte. Er hatte gelesen, was ich über Staatschef Bouteflika gesagt habe: Dass er ein Diktator ist. Und ein verkappter Islamist. 2006 dann habe ich ein richtiges Pamphlet gegen das Regime geschrieben. Seither sind meine Bücher in Algerien verboten.
Was halten Sie von der Art und Weise, wie Europa auf die arabischen Revolutionen reagiert hat?
Soll ich lang oder kurz antworten....(schmunzelt). Also: Es ist nicht zufriedenstellend. Ich persönlich hatte intelligentere Reaktionen erwartet. Eine militärische Intervention wie in Libyen halte ich beispielsweise für ungut. Es ist immer besser, demokratische Hilfe zu leisten. Den Libyern besipielsweise hätte erlaubt werden müssen, nach Europa zu kommen, damit sie sich hier frei im Fernsehen ausdrücken können. Kein Sarkozy oder Cameron kann das Volk mobilisieren, diese Arbeit müssen die Libyer schon selbst machen. Und wenn man sie sie nicht machen lässt, dann ist das frustrierend. Jeder muss sich selbst befreien. Und nicht von anderen befreit werden.
In der Debatte um ein militärisches Eingreifen in Libyen kritisierte Sansal den französischen Präsidenten Sarkozy. Er warf ihm vor, dass es ihm nicht um die Sicherheit des libyschen Volkes gehe, sondern um sein Image in der arabischen Welt. Jahrelang hatte Frankreich Diktatoren wie Mubarak und Gaddafi hofiert und Geschäfte mit ihnen gemacht.
Sie haben einmal gesagt, die arabische Revolution habe noch nicht wirklich begonnen. Wie meinen Sie das?
Derzeit versuchen die Völker zwar, ihre Unterdrücker, ihre Diktatoren, loszuwerden, und das zum Teil mit großem Erfolg. Doch die wahre Revolution geht doch noch viel weiter: Sie bedeutet, demokratisch zu leben, von einer alten, archaischen, traditionellen Gesellschaft zu einer modernen, offenen, demokratischen Gesellschaft überzugehen. Das ist ein langer Prozess, der noch Generationen dauern kann – und der Westen muss uns dabei helfen!
Will der Westen denn ernsthaft helfen?
(zögert kurz). Ja, doch, ich denke schon. Der Westen hat verstanden, dass dieser Wandel auch in seinem Interesse ist. Denn wenn wir scheitern, dann sind Terrorismus, Schmuggel und illegale Migration die Folge – und daran werden die Probleme für alle noch größer.
Ist die Literatur, das Schreiben, für Sie auch eine Art zu kämpfen?
Ja. Schreiben ist das Einzige, was ich machen kann. Es ist für mich die einzige Möglichkeit zu kämpfen: Ich kann nicht zur Waffe greifen, ich will keiner Partei beitreten. Ich versuche, dabei mit der Zivilgesellschaft zusammenzuarbeiten. Aber nicht mit Parteien – denen vertraue ich nicht. In Algerien nicht und anderswo auch nicht.
Haben Schriftsteller die Pflicht, das System in dem sie leben zu kritisieren?
Irgendeiner muss es machen. Journalisten machen es jeden Tag auf ihre Weise, zumindest dort, wo es eine freie Presse gibt. Natürlich ist ihr Hauptziel, zu informieren – aber über die Auswahl der Information zum Beispiel können sie ja auch Kritik ausüben. Der Schriftsteller geht in seiner Arbeit etwas weiter, er „schält“ das System, er analysiert und dekodiert es, er schaut in sein Inneres. Diese Rolle muss jemand übernehmen.
In Ihrem neusten Werk „Das Dorf des Deutschen“ ziehen Sie Parallelen zwischen Nationalsozialismus und Islamismus. Wie ist das zu verstehen?
Das ist gar nicht schwer zu erklären: Alle Faschismen ähneln sich. Sie gehorchen derselben Logik: Der Verehrung des Anführers, der Mobilisierung der Gesellschaft, der Gewalt als Mittel, um politische, kulturelle und philosophische Probleme zu regeln. Der einzige Unterschied zwischen Islamismus und Nazismus ist, dass die Nazis einen Staat hatten, in dem sie ihre Politik ausgeübt haben - und die Islamisten nicht. Aber sie versuchen, einen solchen Staat aufzubauen, in Afghanistan, im Iran, oft auch mit modernen Mitteln, mit Atombomben oder ähnlichem.
Sie haben zwei Töchter. Wachsen die beiden in einer besseren Welt auf als Sie es taten?
Meine Töchter wohnen in Prag. Ich denke, sie leben dort in einer ruhigeren Welt. Wenn sie in Algerien geblieben wären, dann ginge es ihnen wahrscheinlich nicht so gut. Dort wird der Religion noch sehr viel mehr Gewicht beigemessen: Die Gesellschaft ist traditionell, archaisch und insbesondere Frauen haben es sehr schwer. Sehr sehr schwer. Vor dem Gesetz – in allen muslimischen Gesellschaften ist das so – ist die Frau kein Individuum. Sie hat keine persönlichen Rechte, sie ist abhängig von ihrem Mann, abhängig von ihrem Vater, abhängig von ihrem Bruder, ihrem Onkel - es ist empörend, dass eine Person keine Macht über ihre eigene Individualität besitzt. Es ist absurd! Diesen Morgen noch habe ich im deutschen Fernsehen gesehen, dass man in Saudi Arabien eine Frau ausgepeitscht hat, weil sie Auto gefahren war. Wenn man so etwas hört, möchte man nicht nur eine Revolution anzetteln, sondern hundert Revolutionen am Tag.