Mit hohen Hacken ins bayerische Dorf
03. November 2011
Azize ist eine charismatische Frau im Rentenalter. Ihr Haar ist lang und komplett weiß. Die wachen, fröhlichen Augen strahlen Gelassenheit und Selbstbewusstsein aus. Mit großer Begeisterung spricht sie über die Erfahrungen, die sie machte, als sie 1972 als Gastarbeiterin nach Bayern kam.
Als sie die Anzeige sah, wusste Azize sofort, dass sich hier die Chance bot, die Welt zu sehen. Eigentlich wollte sie ja nach Frankreich, aber Deutschland brachte sie ihrem Ziel etwas näher. Der ersten Euphorie folgte bei der Untersuchung im Vermittlungsbüro in Istanbul die Ernüchterung. Nachdem sie sich erst bis auf die Unterhose ausziehen musste, wurde sie von Kopf bis Fuß untersucht. Allerdings konnte sie auch diese Erniedrigung nicht von ihren Plänen abbringen. „Als ich mich einmal ausgezogen hatte gab es kein Zurück mehr.“ sagt die Rentnerin heute mit einem Lächeln auf den Lippen.
"Mein Vater sollte nicht Recht behalten!"
Die Fahrt nach Deutschland beschreibt Azize als sehr anstrengend. Die eigentliche Überraschung wartete allerdings in der neuen Heimat auf sie. Als sie mit lackierten Fingernägeln und schick angezogen in Deutschland ankam, wunderte sie vor allem das Äußere der ansässigen Frauen: "In der Türkei waren selbst Frauen auf dem Dorf besser angezogen!"
Auch die Unterkunft entsprach nicht dem, was Azize auf Grund der An zeigen erwartet hatte. Sie war mit mehreren Frauen in einer Scheune auf einem Bauernhof untergebracht. Manche hatten Kinder. Auf den Bildern der Anzeigen hatte das ganz anders ausgesehen. Diese versprachen schöne Zimmer mit Waschmaschinen und allem, was das Herz begehrte. Außerdem war die Miete für die Unterkunft sehr hoch. Sie wussten es damals noch nicht, aber für das Geld hätten sich die Frauen jeweils ein eigenes Zimmer mieten können.
Die Arbeit war hart und die Arbeiterinnen konnten kein Deutsch. Für die Arbeitgeber war das praktisch. "So konnte man sich nicht beschweren."
Auch wenn sie nicht glücklich war, wollte Azize nicht zurück. „Mein Vater hatte gesagt ich käme eh nach einem Monat wieder zurück. Und ich wollte nicht, dass er Recht hat.“ Deshalb setzte sie sich für ihre Rechte ein und bewirkte eine Verbesserung der Lebenssituation.
Das Individuum zählt, nicht die Herkunft.
Heute ist es ein Hauptanliegen von Azize, gegen Stereotype anzukämpfen. "Das Bild der armen unterdrückten Türkin ist falsch! Die Gesellschaft wollte uns als Opfer sehen." In Wirklichkeit sind die Frauen, die als Arbeiterinnen nach Deutschland kamen sehr stark. Diese Stärke brauchten sie, um in einer Welt harter Arbeit, ohne Familie und die Möglichkeit sich zu verständigen, ihren Weg zu gehen. Azize betont, dass deutsche Frauen nicht freier waren als türkische. Das Hauptproblem ist bis heute wie damals, so sagt sie, dass es niemandem um die Realität geht sondern nur um Probleme. "Man bekommt nur Aufmerksamkeit, wenn man ein Opfer ist."
Die Problematik der Integrationsarbeit in Deutschland sieht sie vor allem darin, dass sie zur Ausgrenzung führt. Wenn jemand integriert werden soll, muss er als Individuum angenommen werden und nicht ständig mit neuen Erwartungen belegt werden, meint sie. „Wessen Maßstab soll ich mich denn anpassen?“ fragt sie.