London brennt. Warum, fragt keiner.
In Großbritannien zünden vermummte Jugendliche Häuser an, ganze Straßenzüge sind mit Glasscherben übersät, Supermärkte werden leergeräumt. Premierminister David Cameron droht – zurecht – mit harten Strafen. Doch nach den Motiven fragt er nicht. Ein Kommentar von Anna Mauersberger
Dieser Tage fürchtet sich Großbritannien vor seiner Jugend. London gleicht einem Schlachtfeld, langsam flammt die Gewalt auch in anderen Städten auf, so wie in Birmingham, Bristol und Liverpool. David Cameron sprach von "Verbrechern" – und stockte die Zahl der Polizisten sogleich von 6 000 auf 16 000 auf; der Spiegel bezeichnete die Randalierer als "jugendliche Kriminelle", die BILD titelte „Chaoten zünden England an“. Man könnte meinen, ein wütender Mob sei aus dem Nichts über Großbritannien hergefallen, um grundlos rasend alles kurz und klein zu hauen.
Natürlich ist die Zeit für genaue Analysen noch nicht reif. Dennoch: Nicht nach den Motiven zu fragen, so wie Cameron und andere britische Politiker es bislang tun, ist nicht nur bequem – es ist auch hochgradig unpolitisch und unverantwortlich.
Es reicht danach zu fragen, wo und wie die Krawalle begannen, um sich an manch unangenehmer Wahrheit nicht mehr vorbeidrücken zu können. Tottenham etwa, der Ort, an dem alles seinen Anfang nahm, hat seit Jahrzehnten mit sozialen Problemen zu kämpfen – und dennoch wurden soziale Einrichtungen in dem Bezirk – so wie Jugendzentren – von der Politik komplett vernachlässigt.
Auch, dass der Tod eines 29-jährigen Mannes, der von der Polizei am Donnerstag erschossen wurde, zu den Gewaltwellen führte, ist nicht weit genug gedacht. Die Situation eskalierte erst, nachdem die Polizei trotz mehrmaliger friedlicher Aufforderungen von Anwohnern und Aktivisten, keine Stellungnahme abgab und gar nicht daran dachte, die Familie des Opfers zu entschädigen. Stattdessen tat sie so, als wäre nichts, ließ die Demonstranten bis tief in die Nacht erfolglos warten – und verdient insofern mindestens eine Rüge der Politik, wenn nicht gar viel mehr.
Das, was sich derzeit in Großbritannien abspielt, ist ohne Frage kriminell. Und sicherlich haben einige der Jugendlichen tatsächlich einfach Spaß daran, Dinge kaputt zu machen und sich als Herrscher aufzuführen. Dennoch: Gewalt kommt selten ohne Motiv. Danach sollten die britischen Politiker schnellstmöglich suchen. Sie sollten auf die randalierenden Jugendlichen zugehen, mit ihnen ins Gespräch kommen. Erforschen, woher die große Gewaltbereitschaft kommt. Und über Lösungen diskutieren, um solchen Eskalationen bereits im Vorhinein das Wasser abzugraben. Bestrafen kann Cameron sie danach immer noch.