Empörte Jugend Europas
Europas Jugend protestiert seit Wochen für eine bessere Zukunft - die Ausschreitungen in England haben damit nur sehr entfernt zu tun. Wird auch Deutschlands Jugend bald auf die Straße gehen? Was muss sich ändern?
Bei den politischen Demonstrationen stehen vor allem die Arbeits- und Perspektivenlosigkeit der jungen Menschen im Vordergrund. In der Zeltstadt auf der Puerta del Sol in Madrid haben Studenten und Akademiker sogar gemeinsam politische Forderungskataloge erarbeitet – die britischen Randalierer, die nachts auf Raubzug durch Londoner Geschäften gehen, artikulieren sich dagegen nicht. In den Medien werden häufig Parallelen zu den Aufständen in der arabischen Welt konstruiert, allerdings geht es den jungen Europäern nicht um die Abschaffung ihrer Regierungen, sondern um die Korrektur politischer Kurse. Auch Gemeinsamkeiten der europäischen Protestbewegungen untereinander werden oftmals unterstrichen, allerdings sind die Forderungen der Jugendlichen nationalspezifisch geprägt.
Perspektiven für die Zukunft Europas
Die Jugend begehrt vor allem gegen ein politisches Establishment auf, das ihren Bedürfnissen, Hoffnungen und Erwartungen nicht entgegenkommen will. Sie protestiert gegen Jugendarbeitslosigkeit, Niedriglöhne und unsichere Arbeitsverhältnisse. Sie prangert staatliche Politik, verkrustete Parteiensysteme und undurchlässige Eliten an und wendet sich gegen ein Finanz- und Wirtschaftssystem, das nur wenige begünstigt und das staatliche Gemeinwohl aus dem Blick verliert.
Ihren Protest organisieren die Jugendlichen dennoch nach dem Vorbild der sogenannten Arabellionen über das Internet. Sie rufen auf zu Sit-ins und Protestmärschen, twittern, posten, diskutieren – und beziehen sich gerne auf die kleine antikapitalistische Protest-Schrift "Indignez-Vous!" – „Empört Euch“ – des ehemaligen französischen Resistance-Kämpfers und Publizisten Stéphane Hessel.
Hessel proklamiert in seinem leicht zu konsumierenden Schriftbändchen Gewaltlosigkeit als wirkungsvollstes Mittel gegen Gewalt und ruft zum "Aufstand in Friedfertigkeit" auf, denn "das im Westen herrschende materialistische Maximierungsdenken hat die Welt in eine Krise gestürzt, aus der wir uns befreien müssen." Am Ende verkündet er: "Neues schaffen heißt Widerstand leisten. Widerstand leisten heißt Neues schaffen."
Ein Blick in die Proteste einzelner Länder
Nach den Defiziten ihrer Lebenssituation nennen sich die gut ausgebildeten, protestierenden Jungakademiker in Portugal "Geração à rasca", Generation in der Klemme, die sich von der Politik zunehmend an den Rand gedrängt fühlt. Junge Franzosen, die noch bei ihren Eltern wohnen, weil sie kein Geld für eine eigene Bleibe haben, heißen "Adolescents". Griechen im Altern von 20 bis 30, die sich mehr schlecht als recht durchschlagen, werden als "Generation 700" bezeichnet. Und Spaniens Protestierende fasst man unter den Begriffen "Movimiento 15-M" ("Bewegung 15. Mai") oder "Indignados" ("Empörte").
Die neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen, dass die Generation der U30 momentan am stärksten von der wirtschaftlichen Krise betroffen ist. Die "Süddeutsche Zeitung" veröffentlichte Zahlen, nach denen in Irland und Italien offiziell mehr als ein Viertel der unter 25-Jährigen ohne Arbeit sind. In Griechenland lag die Jugenderwerbslosenquote im März bei 38,5 Prozent, in Spanien ist sogar fast die Hälfte der Jugendlichen arbeitslos.
Protest-Szenen in Deutschland denkbar?
Auch in Deutschland hat die Polizei jedes Jahr mit heftigen Protesten zu kämpfen: In der Nacht zum 1. Mai brennen in Berlin-Kreuzberg oder im Hamburger Schanzenviertel immer wieder Autos, Geschäftsgebäude und Banken werden attackiert – doch ein Ausmaß an Ausschreitungen wie in England ist undenkbar. Deutsche Politiker sind einhellig der Meinung, dass man hierzulande Gewalt gegen Unbeteiligte nicht als Mittel zur Durchsetzung eigener Interessen einsetze, so Innenminister Hans-Peter Friedrich.
Und könnte ein friedlicher Protest nach dem Vorbild der südlichen europäischen Nachbarn, gegen Arbeitslosigkeit und Perspektiven-Mangel, Fuß fassen? Auch der ist momentan nicht in Sichtweite. Obwohl hierzulande junge Menschen aus allen Bildungsbereichen oft verzweifelt auf Jobsuche sind und auf die finanzielle Unterstützung der Eltern angewiesen sind, liegt die Arbeitslosigkeit Jugendlicher weit unter dem Schnitt der anderen europäischen Länder, bei rund 9 Prozent. Lediglich Österreich und die Niederlande haben eine bessere Statistik vorzuweisen.
In einem Interview mit dem Deutschland-Radio Kultur forderte die grüne Europa-Abgeordnete Elisabeth Schroedter heute ausdrücklich, im Jugend- und Bildungsbereich nicht weiter zu sparen, um Protesten den Nährboden zu entziehen. Sie sprach sich dafür aus, die Demonstrationen der europäischen Jugend – und die gewaltvollen Ausschreitungen in England – als Anregung zu verstehen, um gemeinschaftlich für bessere Perspektiven junger Menschen in Europa zu sorgen, damit die Jugend nicht mehr "das Gesicht der Krise" trägt.