"Ich war ein Nazi"
"Am Anfang waren wir drei. Kollegen, befreundet und arbeitslos. Was wir hatten, war unendlich viel Zeit. Wir strichen herum, um sie vor allem totzuschlagen. Auffällig viele Ausländer sahen wir und stellten fest: Stress und Gewalt hatten die im Kopf.Als ich noch gearbeitet hatte, ist mir das nie aufgefallen, aber jetzt wo keine Arbeit da war… Wir waren Patrioten. Feste Vorstellungen von "Ehre, Treue, Vaterland" bestimmten unser Leben. Mussten wir also zusehen, wie Punks, Ausländer und Junkies unsere Stadt, ja unser ganzes Land, zur Sau machten? Die Schweizer Politik tat auf jeden Fall zu wenig, um das zu ändern. Also beschlossen wir, etwas dagegen zu unternehmen.
Bomberjacken, Springerstiefel, Lonsdale oder Pit-Bull-Kleidung, das typische Outfit musste her. Aus unserer anfänglichen, kleinen Dreiergruppe wurde eine größere gewalttätige Gemeinschaft. Saufen, Schlägereien und Stress mit der Polizei und den Leuten von der "Securitas" füllten unsere Tage aus.
Wie oft wir verletzt waren? Ich erinnere mich nicht... Jedenfalls waren wir regelmäßige Gäste in der Notfallstation unseres Krankenhauses. Eines Tages. Es war früh um 6.00 Uhr. Die Tür meiner Wohnung flog mit einem lauten Knall auf. Fünf Polizisten stürmten herein, packten nicht gerade zimperlich zu, um mich in Haft zu nehmen.
Nach einem Monat hinter Gittern war ich wieder auf freiem Fuss. Was hatte ich eigentlich Schlimmes gemacht? Dafür einen ganzen Monat Untersuchungshaft. Lächerlich. Meine Empörung war groß. Jetzt erst recht. Wozu aufhören? Meine Clique empfing mich mit offenen Armen. Ich war wieder bei ihnen. Schon waren wir wieder auf der Gasse. Fünfundzwanzig bis dreißig auffällige Leute aus der ganzen Deutschschweiz. Meine Aktionen brachten mir zwanzig Anzeigen in sechzig Tagen. Eingesammelt von der Polizei verschwand ich diesmal für neun Monate hinter Gittern. Ein komisches Gefühl war das, plötzlich eingeschlossen mit denen zu sein, die ich verachtete. Neun Monate waren eine lange Zeit.
Hey! Was interessierte uns das Gesetz…? Hat sich das Ganze gelohnt? Will ich das womöglich bis an das Ende meiner Tage ausleben? Fragen über Fragen. Ich habe sie mir nicht nur einmal gestellt. Mein Anwalt meinte: Vier bis fünf Jahre könnten es durchaus werden. Das hätte ich an Strafe zu erwarten. Nach etlichen Besuchen vom Haftrichter und meinem Rechtsbeistand öffneten sich nach neun Monaten für mich die Gefängnistore. Mein Weg in die Freiheit war gespickt mit gewichtigen Anordnungen. Pflicht waren: Die Anwesenheit bei der Gerichtsverhandlung, der Bewährungshelfer und das Betreute Wohnen.
Zwei oder drei Wochen hielt ich mich nach der Entlassung noch in der Clique auf. Es ist nicht einfach, so ohne Weiteres der Szene zu entfliehen. Als einstmals Aktiver war ich schon zu lange dabei. Eine erneute Ordungsbuße führte mir meine Lage drastisch vor Augen. Zu viel stand für mich auf dem Spiel. Der Gerichtstermin stand drohend vor mir und auch noch nicht fest. Zu allem Übel flog ich aus dem Betreuten Wohnen hinaus. Auch das noch. Zuflucht fand ich bei meiner Freundin und ihren Eltern. Sie hatte ich in der Clique kennengelernt. Ihre liebevolle Umgebung und das stabile soziale Umfeld halfen mir sehr, wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen. Es dauerte ein Jahr, bis ich vor Gericht erscheinen musste. Zwei harte Tage Verhandlung, dann das Urteil. Dreißig Monate Haft, aufgeschoben zugunsten einer anderen Massnahme und der Bewährungshilfe. Mir fiel ein Stein vom Herzen.
Gemeinsam mit meiner Freundin stieg ich aus der Szene aus.Durch sie hatte ich Halt, Kraft und das nötige Stehvermögen dazu. Wir sehen jetzt glücklicheren Tagen entgegen. Mit zwei Katzen und einem Hund leben wir in einer eigenen Wohnung. Im Sommer kann ich endlich meine langersehnte Ausbildung anfangen. Ich bin fest entschlossen, mir meine Zukunft nicht noch mehr zu verbauen. Die Bewährungshilfe sowie die anderen Auflagen sehe ich als notwendige Schritte an. Ich hänge sehr an meiner Freiheit. Für mich heute unbegreiflich. Warum musste es erst soweit kommen?"
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