Der Look des Nazis
Kahlrasierter Schädel, weiße Schnürbänder in den Springerstiefeln und Bomberjacke. Der Glatzenlook ist wohl jedem ein Begriff. Dieses Auftreten verband man lange Jahre vor allem mit der rechten Szene. Das gibt es so zwar auch vereinzelt noch immer, inzwischen hat sich bei den Neonazis jedoch ein anderes Erscheinungsbild durchgesetzt. Die meisten treten heute ganz unauffällig, zum Beispiel in einfacher Sportkleidung auf.
Seit neustem gibt es auch die Strömung der „nationalen Autonomen“. Diese kopieren den Stil der linken Subkultur bis ins Detail genau. Auch wenn das natürlich keine klassische Uniform ist, gibt es doch ein paar Merkmale, die das Outfit einst relativ unverwechselbar machten. Schwarze Kleidung, punkige Frisuren, bunte Haare, Piercings, Buttons und Aufnäher mit politischen Parolen an den Jacken beispielsweise.
Warum laufen seit etwa der Jahrtausendwende viele Neonazis genauso rum? Wieso möchten sie auf einmal auftreten, wie ihre verhassten Gegner?
Es ist nicht etwa nur die Einfallslosigkeit, die hier wie so oft in diesen Kreisen zuschlägt. Das Ganze hat durchaus System. Es fällt den Rechten in unserer Gesellschaft nicht leicht, Anhänger für sich zu gewinnen. Sie sind seit dem Ende des Nationalsozialismus selbstverständlich ziemlich unbeliebt, und besonders seit den Brandanschlägen auf Asylantenheime in den frühen Neunzigern werden wir immer wieder auf erschreckende Weise daran erinnert, wie ablehnenswert Rechtsextremismus ist.
Naziszene ist uncool
Abgesehen davon gilt die Nazischlägerszene mit peinlicher Deutschtümelei und dumpfbackiger Mentalität bei der Jugend nicht gerade als cool. Die linke Subkultur hingegen ist bei der Jugend angesagt, und wird - wenn man einmal von ihren extremistischen und gewalttätigen Ausprägungen absieht - von weiten Teilen der Gesellschaft zumindest akzeptiert. Diese Kultur, nicht in ihren Inhalten, aber in ihrem Auftreten und Vorgehen nachzuahmen, bietet somit für die rechte Szene viele Vorteile.
Axel Reitz, ein bekannter Neonazi, formulierte es so: „Diese ‚Autonomen‘ kopieren den Stil und die Aufmachung der linken Strukturen und von linken bisher agitierten Jugendkulturen, dabei werden die bekannten Symbole und Outfits mit unseren Inhalten besetzt und in unserem Sinne interpretiert. ... Mittels dieses Auftretens besteht die Möglichkeit sozusagen unerkannt, da dem bekannten Bild des ‚Faschisten‘ ent- gegen laufend, in die bisher von gegnerischen Lagern beherrschten Gebiete. Graffitis sprühen, unangepasst und ‚hip‘ sein können nicht nur die Antifatzkes, sondern auch wir, damit erreichen wir ein Klientel,welches uns bis dato verschlossen geblieben ist.“
Lest hier den Erfahrungsbericht "Ich war ein Nazi"
Inhaltlich bleibt alles beim Alten. Es ist sind also nicht nur die Outfits der linken Szene, die imitiert werden. Vielmehr ist es der ganze „Lifestyle“. Die Agitatoren der rechten Szene haben gelernt, dass diese moderner werden muss, um für potentielle, jugendliche Mitglieder attraktiv zu sein. Früher wurden diese angehalten, bestimmte Musik zu hören, keine englischen Ausdrücke zu benutzen und generell alles „Undeutsche“ zu vermeiden, was immer man sich darunter vorstellen möchte. Das ist jetzt vorbei. So beschreiben die autonomen Nationalisten auf ihrer Homepage den neuen Grundsatz folgendermaßen:
„Es ist egal, wie du aussiehst und was für Musik du hörst. Einzig und allein die Ideologie und das Wohl deines Volkes sollte dir am Herzen liegen, wenn du bei uns mitmachen willst. Wir holen uns die Jugend da ab, wo sie sich befindet und geben ihr eine neue Perspektive für die Zukunft.“
Doch diese von den Nazis angekündigte „Perspektive“ ist alles andere als neu. Im Gegenteil, sie ist altbekannt. Inhaltlich bleibt trotz des frischen Anstrichs nämlich alles beim Alten: die Forderung nach der Ausweisung von Ausländern, Wiedereinführung der Todesstrafe, die Ausschaltung des demokratischen Systems. Alles in allem also absolut nichts, was für eine bunte, moderne Gesellschaft mit demokratischen Werten auch nur annähernd akzeptabel sein kann.
Der Skinhead-Look ist keine Erfindung der Neonazis
Der martialische Glatzenlook ist im Übrigen keine Erfindung der Neonazis sondern stammt ursprünglich aus der in den sechziger Jahren in England entstandenen Jugendbewegung der „Skinheads“. Die Bewegung wurde erst ab den siebziger Jahren massiv von der rechten Szene vereinnahmt. Doch wenn man sich ein wenig informiert, wird man merken, dass es sich hier um eine gemischte Kultur handelt: es gibt unpolitische, rechte und sogar extrem linke Skinheads. Und die allermeisten Neonazis, die den Look zur Schau tragen, haben mit der Skinheadkultur sowieso rein gar nichts zu tun – sie rennen einfach nur so rum, weil es so brutal wirkt.
Im Ideen und Symboliken klauen waren übrigens auch schon die Nationalsozialisten des 20. Jahrhunderts „groß“. Für ihre Propaganda haben sie sich bei allen möglichen Kulturen und Ideologien bedient, unter anderem bei den Germanen, Römern oder Indern. Um nur ein Beispiel zu nennen: Das wohl bekannteste Symbol des Nationalsozialismus, das heute in der BRD verbotene Hakenkreuz, ist ungefähr 6000 Jahre alt - und war in vielen asiatischen Kulturen ursprünglich als Glücksbringer bekannt.