Die DDR ist zurück
DU HAST DIE MACHT interviewte den 36-Jährigen Vollwessi Simon Urban pünktlich zum 3. Oktober – und löcherte ihn mit Fragen zum Tag der Deutschen Einheit.
Sie stammen aus dem westfälischen Hagen und beim Mauerfall waren Sie gerade einmal 14 Jahre alt. Wieso debütieren Sie mit einem Roman über die DDR?
Vermutlich, weil ich mir vor einigen Jahren im Zug von Leipzig nach Hamburg die Frage gestellt habe, wie die DDR heute wohl aussähe. Und weil ich in diesem Moment die Idee hatte, das erzählen zu wollen. Dass ich in Hagen aufgewachsen bin, ist in dieser Hinsicht kein Manko, denn ich will ja in meinem Roman vom Deutschland der Gegenwart erzählen, auch wenn der Text in einer fiktiven DDR spielt. Und: Robert Harris, der in "Vaterland" das Dritte Reich weiter erzählt, ist Brite, kein Deutscher – trotzdem hat er sich dieses "urdeutschen" Themas angenommen. Phantasie ist wichtiger als Herkunft.
In Ihrem Roman hat es den Mauerfall nie gegeben, die DDR existiert 2011 nach wie vor. Was erwartet den Leser für eine Welt?
Einerseits ist die DDR von 2011 gar nicht so weit von der historischen DDR entfernt: alles ist grau, die Bürger dürfen nicht ausreisen, die Wirtschaft funktioniert nicht richtig. Es gibt aber auch Überraschungen: zum Beispiel das Handy MINSK (Mobiler Interaktions-Kommunikator) von Robotron, das mit Stasi-Technik betrieben wird und deshalb besser ist als jedes iPhone. Oder die Ost-Bionade "Bionier-Brause" in den Geschmackssorten Rhabarber, Sanddorn und Walderdbeere. Auch der Trabant hat einen Nachfolger bekommen, den "Phobos", der mit Rapsöl fährt und die DDR sukzessive verfetten lässt. Die Welt, die einen im Roman erwartet, ist also trist aber hoffentlich trotzdem unterhaltsam. Wäre alles genau so gekommen, würde man wohl von Realsatire sprechen, jetzt ist es Satire.
Was halten Sie von Ostalgie? Wie beurteilen Sie die Menschen, die sich die Mauer zurück wünschen?
Das sind für mich zwei unterschiedliche Dinge. Ostalgie habe ich immer als die diffuse Teilzeit-Sehnsucht ehemaliger DDR-Bürger nach ihrem alten Land verstanden. Das halte ich, in Maßen, für ein ganz normales menschliches Empfinden – ich verstehe absolut, dass man vieles Alltägliche, Unpolitische an einem Land vermisst, in dem man lange gelebt hat und das von heute auf morgen nicht mehr da ist. Das würde mir sicher genau so gehen. Das ist die private Seite der Erinnerung, wie gesagt, in meiner Wahrnehmung. Sehr kritisch wird es, wenn so eine private Sicht auch die politische Erinnerung färbt, wenn man plötzlich das System nachträglich glorifiziert und die Verbrechen, die begangen wurden, verdrängt oder leugnet. Dann haben wir es mit der immer gleichen, zynischen rosa-roten Historienbrille zu tun, die in zeitlichem Abstand Tatsachen umwerten will. Eine "positive private" Erinnerung und eine "negative öffentliche" müssen aber für mich gar kein Widerspruch sein. Dass man sentimental an ein früheres Leben in einem untergegangenen Land zurück denkt und dass man gleichzeitig das System verachtet, das dieses Land geprägt hat, ist doch absolut legitim. Die Welt ist schließlich nicht schwarz-weiß. Menschen, die sich wirklich die Mauer zurück wünschen, müsste man allerdings nach ihren konkreten Motiven fragen, um herauszufinden, ob sie Neonazis, Kommunisten oder einfach nur bekloppt sind.
Ist Ihr Buch für junge Menschen, die sich an die DDR nicht mehr erinnern können, ebenso interessant wie für Zeitzeugen?
Ich vermute, es funktioniert für junge und alte Leser, allerdings mit unterschiedlichen Effekten. Bei denjenigen, die die DDR kennen, werden satirische Spitzen und Anspielungen im Roman wirken, für die halt ein Vorwissen nötig ist. Jemand, der die historische DDR nicht kennt, kann sich aber vielleicht viel unbedarfter auf das fiktive Spiel einlassen, weil er das Erzählte nicht permanent mit seinem Wissen abgleicht und quasi automatisch "Fehler" sucht. Das ist eine Lesefreiheit, die von zu viel Bildung auch verbaut werden kann. Allerdings läuft ein jüngerer Leser vielleicht auch Gefahr, meine fiktive DDR für die historische DDR zu halten und etwas gleichzusetzen, das man natürlich nicht gleichsetzen kann. Jüngere Leser sollten sich also doppelt bewusst machen, dass sie es hier mit Fiktion zu tun haben und nicht mit Dokumentation.
Wie haben Sie die DDR als Kind/als Jugendlicher betrachtet? Taten Ihnen die Ostdeutschen leid?
Ich glaube, ich habe als Kind gar nicht realisiert, dass ich 14 Jahre lang neben einer Diktatur aufgewachsen bin. Dazu war das alles viel zu normal und ich war zu jung. In den letzten Jahren habe ich dann offenbar die Beschäftigung mit dem Thema nachholen müssen. Welche Erinnerungen haben Sie an den Mauerfall? Eigentlich nur die Fernsehbilder, die wir alle kennen. Und das unbestimmte Bewusstsein, dass jetzt gerade etwas wirklich Unglaubliches passiert, das man mit 14 nicht wirklich begreifen oder einordnen kann.
Hatten oder haben Sie Vorurteile gegenüber ehemaligen DDR-Bürgern? Gibt es nach wie vor Unterschiede zwischen Ossis und Wessis?
Ich habe in meinem Leipziger Studium immer wieder Leute kennen gelernt, von denen dann irgendwann im Gespräch heraus kam, sie sind "Wessi" oder "Ossi". Das hat mich immer wieder überrascht, hätte ich raten müssen, hätte ich oft daneben gelegen. Vorurteile werden also – hier wie überall – in konkreten Erfahrungen sehr schnell von der Realität überholt.
Ist die Mauer Ihrer Ansicht nach aus den Köpfen der Menschen verschwunden?
Ich vermute: wenn jemand nicht direkt von den Folgen der Einheit betroffen ist, also zum Beispiel von unterschiedlichen Löhnen in Ost und West, dann spielt die Vergangenheit keine Rolle mehr für das tägliche Empfinden. Von den paar politischen Extremisten, die es immer gibt, mal abgesehen.
Ist es wichtig, dass sich Jugendliche mit der deutsch-deutschen Geschichte auskennen?
Enorm wichtig natürlich und das sage ich als ehemaliger Schüler, der sich in der Schule leider nie besonders für Geschichte interessiert hat, eher schon für Geschichten. Die deutsch-deutsche Geschichte ist aber so reich an grandiosen und tragischen Geschichten, dass es eigentlich nur um die Frage der Vermittlung gehen kann. Ich habe ja immer noch die Hoffnung, dass Mathematik als Fach komplett abgeschafft wird und man in dieser Zeit haufenweise gute Bücher lesen lässt. Literatur ist vielleicht der eindringlichste Geschichtsunterricht.
Wurde in Ihrer Schulzeit das Thema DDR ausreichend behandelt?
Ganz ehrlich: das kann ich rückblickend nicht einschätzen. Ich habe weniger DDR-Wissen aus der Schule mitgenommen, als ich es eigentlich hätte tun müssen. Aber ob das an meinen Lehrern oder an meiner Faulheit lag, ist rückblickend schwer zu sagen.
Könnten Sie sich vorstellen, dass Ihr Buch als Schul-Lektüre Verwendung findet?
Ich kann mir schon vorstellen, dass der Roman in der Oberstufe gut funktionieren würde, schließlich gibt es ja im Text nicht nur Politik, sondern auch Spannung und Komik. Die "Was-wäre-wenn"-Konstellation des Romans könnte die Grundlage für interessante politische Gedankenspiele von Schüler zur deutschen Vergangenheit und Zukunft sein. Mir als Schüler hätte so ein spekulatives Moment sehr gut gefallen, weil man hier mit Kreativität punkten kann, auch wenn man vielleicht nicht so viel weiß, wie andere. Dass ein Buch wie "Plan D" Schullektüre wird, halte ich aber trotzdem für enorm unwahrscheinlich, meines Wissens lassen die Lehrpläne da wenig Spielraum für Aktuelles.
Wissen Sie, ob Oskar Lafontaine oder Egon Krenz Ihr Buch bereits gelesen haben?
Nein, das weiß ich nicht. Aber Lafontaine und Gysi – die für die Pointe des Romans eine nicht unwichtige Rolle spielen – haben beide ein signiertes Exemplar vom Verlag zugeschickt bekommen. Egon Krenz müsste sich leider eins kaufen.
DU HAST DIE MACHT dankt Simon Urban für dieses Interview.