Wird Deutschland immer reicher - und ärmer?
Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander. Unsere Kollegen von fluter.de trafen den Politikwissenschaftler Jürgen Winkler zum Gespräch und wagen einen Blick in die Zukunft.
"Man kann nicht besser wohnen und man kann nicht sicherer wohnen. Ich komme aus dem Iran und wir fahren viel runter. Da muss man einfach aus dem Haus gehen können und wissen: Ich komm' wieder und es steht noch alles", erklärt eine Unternehmergattin vor wenigen Wochen im Interview bei Tee und Gebäck mit Spiegel TV. Mit ihrem Mann bewohnt sie ein 245-Quadratmeter-Penthouse in Arkadien, einer Wohnanlage am Glienicker Horn in Potsdam, die rund um die Uhr bewacht wird. Umgeben von Sicherheitspersonal und Eisenzäunen fühlen sich die Bewohner/innen in der mit Bewegungsmeldern und Infrarotkameras gespickten Siedlung sicher. Dafür zahlen sie Preise von über 5.000 Euro pro Quadratmeter.
Schützen wollen sie sich und ihr Eigentum vor denen, die außen vor bleiben. In Potsdam verdichten sich soziale Unterschiede auf engem Raum: Wenige Kilometer von Arkadien entfernt prägen Plattenbauten das Bild. Wohnformen, die in vielen Fällen als soziale Brennpunkte gelten. In Deutschland sind Gated Communites wie Arkadien eine Rarität. Häufiger findet man solche Anlagen in Ländern mit stärkeren sozialen Ungleichheiten, speziell in Metropolen wie Rio oder Johannesburg. Ihren Ursprung haben sie in den USA, wo mittlerweile zwölf Millionen Menschen in bewachten Siedlungen leben. Auf der anderen Seite leiden nach einem Bericht der Wohltätigkeitsorganisation Feeding America 37 Millionen US-Bürger/innen zeitweise oder regelmäßig an Hunger, was einen erheblichen Anstieg innerhalb der letzten Jahre bedeutet.
Drohen auch in Deutschland amerikanische Verhältnisse?
"Während die einkommensschwächsten zwanzig Prozent in Deutschland zwischen 2000 und 2008 an Real-Einkommen acht bis neun Prozent eingebüßt haben, konnten die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung ihr Einkommen um fast fünfzehn Prozent ausbauen", berichtet Markus Grabka, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) arbeitet.
Nach einer aktuellen DIW-Studie sind rund 14 Prozent der Bevölkerung armutsgefährdet – das sind 11,5 Millionen Menschen, knapp ein Drittel mehr als im Jahr 2000. Armutsgefährdet ist laut EU-Kommission, wer über weniger als sechzig Prozent des mittleren Einkommens seines Landes verfügt. Kinder und junge Erwachsene sind besonders betroffen. Von den 19- bis 25-Jährigen lebten 2008 etwa ein Viertel unter dieser Armutsschwelle.
Als Gründe nannten die DIW-Forscher/innen längere Ausbildungszeiten und die steigende Anzahl an Hochschulabsolventen/innen, die mit schlecht bezahlten Praktika und prekären Jobs ins Berufsleben einsteigen. Weitere Risikogruppen sind Alleinerziehende mit Kindern sowie Familien mit mehr als zwei Kindern. Grabka ist einer der Autoren der Studie und plädiert für Investitionen in Kinderbetreuung und bessere berufliche Perspektiven für Alleinerziehende und Familien mit jungen Kindern.
Jürgen Winkler, als Politikwissenschaftler an der Mainzer Johannes-Gutenberg-Universität auch mit sozialen Fragen befasst, glaubt nicht, dass sich die Schere zwischen Arm und Reich in den nächsten Jahren schließt. Im Gegenteil. Er erwartet einen größer werdenden Niedriglohnsektor und wachsende Armut im Zuge des globalen Wettbewerbs. "Die Politik müsste trotz knapper Kassen stärker in Bildung investieren, damit auch Kinder aus ärmeren Familien eine reelle Chance auf dem Arbeitsmarkt bekommen." Leider seien politische Akteure/innen oft auf kurzfristige Vorteile und Wahlerfolge bedacht und verschlimmerten dadurch die Lage.
Belagerte Inseln?
Winkler befürchtet, dass soziale Probleme zunehmen werden, wenn die verantwortlichen Politiker/innen nicht gegensteuern und gezielt in Bildung für alle Bevölkerungsschichten investieren. "Es gibt einen starken Zusammenhang zwischen sozialer Armut und Bildungsarmut", sagt er. Die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben müsse grundsätzlich allen Menschen offen stehen. "Sinnvolle Maßnahmen sind mehr Ganztagsschulen und staatlich geförderte Lernangebote für das Vorschulalter, inklusive Englischunterricht", so Winkler. Außerdem müsse man bildungsfernen Eltern den Stellenwert von Bildung klarmachen. "Oft verstehen sie nicht, was sie ihren Kindern antun, wenn sie diese nicht fördern", meint Winkler.
Der Psychologe Rolf Haubl, Direktor des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt am Main, sieht die Gefahr beim Auseinanderdriften der Schichten in verstärkter Desintegration derer, die von Armut betroffen sind. "Wenn das Gefühl zunimmt, die eigene Situation trotz Anstrengungen nicht verbessern zu können und von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen zu sein, nehmen vor allem feindliche Tendenzen gegenüber Minderheiten wie Migranten oder behinderten Menschen zu", so Haubl.
Und die Reichen? Können sie sich in Zukunft unbekümmert in bewachten Wohnanlagen zurückziehen? Haubl ist skeptisch: "Gated Communities sind umlagerte Inseln, wo der Angstpegel der Wohlhabenden wächst, weil die Hausangestellten aus unteren Milieus kommen. Es gibt Beispiele von Bewohnern aus Bogota, wo das nachgewiesen wurde." Er fordert eine öffentliche Debatte darüber, wie man Chancengleichheit und Leistungsgerechtigkeit herstellen kann, um wachsender sozialer Ungleichheit entgegenzuwirken.
Lutz Steinbrück ist freier Journalist in Berlin.