Wann misslingt und wie gelingt Integration?
In Film, Literatur, Kunst, Politik und Wirtschaft gibt es in Deutschland junge Türken/innen und türkischstämmige Deutsche, die Karriere gemacht haben. Ein Teil der heutigen jungen Generation, deren Eltern oder Großeltern vor Jahrzehnten aus der Türkei gekommen sind, spricht gut Deutsch und macht ganz selbstverständlich seinen Weg. Andererseits gibt es in vielen Städten Deutschlands die oft abfällig so bezeichneten "Türkenviertel", in denen viele junge Menschen nicht mal die Hauptschule schaffen und schlecht Deutsch sprechen, obwohl sie in Deutschland geboren sind. Yasemin Karakasoglu ist Professorin für interkulturelle Bildung an der Universität Bremen. Im Interview mit fluter.de spricht sie über die Gründe für diesen großen Unterschied.
Was sind die Gründe für die krassen Bildungsunterschiede in der jungen türkischstämmigen Generation?
Viele der Jungen fallen durchs Raster, weil die ökonomischen und sozialen Voraussetzungen fehlen. Die Eltern gehören zur sozialen Unterschicht, haben selbst keine gute Bildung. Viele Eltern stammen aus armen anatolischen Familien, manche sind Analphabeten. Viele Eltern mit geringer Bildung wollen, dass ihre Kinder bessere Chancen bekommen als sie selbst. Das gelingt aber oft nicht. Wenn die Eltern selbst einen guten Bildungshintergrund haben, erhöht das die Chancen für die Kinder natürlich enorm. Studien zeigen, dass die Eltern von erfolgreichen jungen Türken über einen relativ guten Schulabschluss verfügen. Wie sieht die Realität derzeit aus? Zwei Drittel der türkischen und türkischstämmigen Jugendlichen haben keinen oder höchstens einen Hauptschulabschluss. Sie haben kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt, sie sind eine Risikogruppe. Mich überrascht es, dass es bisher nicht mehr sozialen Unmut wie an der Rütli-Schule in Berlin oder in Frankreich gegeben hat. Viele dieser Jugendlichen sind vom sozialen Abstieg bedroht. Bei Mädchen ist es dann eben so, dass sie sich wegen fehlender Jobaussichten für eine frühe Heirat und Kinder entscheiden, wie das deutsche junge Frauen auch teilweise tun.
Hat die deutsche Politik versagt, wenn der soziale Hintergrund türkischer Migranten/innen sie am Aufstieg in der Gesellschaft hindert?
Viele, die keine Unterstützung ihrer Eltern bekommen, werden von den deutschen Bildungsinstituten nicht aufgefangen. Wenn die Eltern nicht Deutsch sprechen, durch Arbeitslosigkeit keinen Zugang zur deutschen Sprache und zur deutschen Gesellschaft haben, das Wohnumfeld türkisch ist, dann muss die Schule die Kinder fördern. Das passiert aber sehr oft nicht. Was mich aktuell ärgert: Es wird so getan, als ob man seit 40 Jahren versuchen würde, die Türken/innen mit schönen Sprachprogrammen zu integrieren. Dabei herrschte jahrzehntelang die Überzeugung, dass viele Gastarbeiter/innen ohnehin wieder gehen würden, und die Kinder derer, die bleiben, automatisch in Kindergarten und Schule Deutsch lernen – ein Trugschluss, wie sich herausgestellt hat.
Spielt das Verhältnis der Eltern zur Religion eine Rolle bei der Frage nach Aufstiegschancen ihrer Kinder?
Tatsächlich sind Türken/innen mit einem niedrigen Bildungsabschluss häufig sehr religiös. Es gibt aber keine Hinweise darauf, dass Religion an Bildung hindert. Das ist wie die Frage nach der Henne und dem Ei. Es ist nicht klar, was zuerst da war. Es ist möglich, dass Leute, die es nicht geschafft haben, sich verstärkt der Religion zuwenden, weil sie Trost und Kraft spendet, etwas ist, worauf sie sich verlassen können.
Aber ist es nicht oft so, dass besonders konservative religiöse Eltern ihre Kinder, gerade Mädchen, in ihrer freien Entwicklung behindern?
Man kann schon klar feststellen, dass die Eltern, die ihr Kind aus der Alltagsrealität fernhalten wollen, oft sehr religiös und traditionell sind. Wenn Eltern ihren Töchtern verbieten, an Klassenfahrten oder am Schwimmunterricht teilzunehmen, dann tun sie das aus Angst, die Töchter könnten ihnen entgleiten. Türkische Eltern betrachten 16-Jährige noch als Kinder, sie können nicht nachvollziehen, dass plötzlich ein Lehrer oder eine Lehrerin für sie verantwortlich sein soll, es fehlt das Vertrauen in die deutsche Schule, das sind irrationale Gründe. Ungewollt behindern diese konservativen Eltern natürlich so den Weg ihrer Kinder. Die Eltern erkennen nicht die Konsequenzen, die das Fernhalten ihrer Kinder mit sich bringt. Sie hindern das Kind daran, sich wohl zu fühlen, alle Chancen wahrzunehmen zu können und voll integriert zu sein.
Das ist keine gute Entwicklung.
Ja, aber es ist nicht die Mehrheit der Eltern. Es ist aber leider das, was oft in den Medien gezeigt und thematisiert wird. In der Öffentlichkeit werden immer die Türken/innen dargestellt, die am meisten von der deutschen Norm, ausgehend von einer deutschen Mittelschicht, abweichen. So entsteht ein verzerrtes Bild vom Leben in türkischen Familien.
Wer bleibt in den türkischen Vierteln, wer zieht weg?
Die Aufstiegsorientierten ziehen weg, also die Eltern, die wollen, dass ihre Kinder nicht in Schulen und Kindergärten gehen, wo fast niemand Deutsch spricht. Man darf auch nicht vergessen, dass diese Viertel nicht nur Migrantenviertel sind, sondern generell sozial abgerutschte Gegenden, wo viele deutsche Sozialhilfeempfänger/innen leben. Drogen, Alkohol und soziales Elend gehört zum Alltag. Aus diesem Milieu wollen die, die weiterkommen wollen, weg. Ein anderer Teil hat entweder resigniert oder sagt, hier gefällt es mir, ich lebe in Nachbarschaft mit Leuten, die meine Traditionen teilen, die meine Sprache sprechen, mit denen ich meine Freizeit verbringen kann. Der Knackpunkt ist, die Bildungsbedingungen in diesen Vierteln zu verbessern. Nur so wird sich die Bildungskluft in der jungen Generation der türkischen Community verkleinern.
Lisa Zimmermann ist freie Journalistin und lebt in Berlin.