Warum Vorurteile so zäh sind
Treffen sich ein Russe, ein Italiener, ein Amerikaner und ein Deutscher. Sagt der Russe zu dem Italiener ... Eine ganze Fülle an Witzen beginnt so. Sie alle spielen mit Vorstellungen, die man von den jeweiligen Ländern im Kopf hat. Konkret: mit Vorurteilen und Stereotypen. Unsere Kollegen von fluter.de fragen sich, warum es so viele Vorurteile in Bezug auf die westliche und auch auf die islamische Welt gibt.
Den Bildern von Nationen und Kulturen, aber auch kleineren Gruppen sowie sozialen Schichten, mit teilweise sehr präzisen Formen. Etwa seit dem 11. September von den USA und der islamischen Welt: "Das sind Themenfelder, die uns momentan sehr beschäftigen und nahezu täglich in der Diskussion sind. Diese Situation erfordert von uns eine schnelle Positionsstellung", erklärt Prof. Dr. Werner Bergmann vom Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin, der sich unter anderem mit Vorurteilsforschung beschäftigt.
"Grundsätzlich sind stereotype Einschätzungen von anderen ja nicht verkehrt. Sie helfen uns, auf die Schnelle Dinge einzuordnen", sagt er. Komplexe Eindrücke kann man damit wie mit einer Schablone sekundenschnell sortieren. Stereotypisierung ist eine Art Hilfsmittel, um nicht jede Situation aufs Neue einschätzen zu müssen, und ordnet ganz automatisch die Fülle an Eindrücken, die uns täglich begegnen. Eine ganz praktische Hilfe. Problematisch wird es, wenn sich diese Bilder negativ aufladen, anderen Kulturen oder Religionen bestimmte abwertende Züge zugeschrieben werden. Dann spricht man von Vorurteil. "Jeder behauptet von sich selbst, definitiv keine zu haben", sagt Bergmann, "doch wird man etwa gebeten, eine Liste von Vorurteilen über Juden aufzuschreiben, kommt da eine Menge zusammen."
Der Westen weiß es genau – die islamische Welt auch
Diese Bilder gehören zum kollektiven Wissen einer Nation, sind Muster, die eine lange Tradition haben. Was aber nicht heißt, dass jede/r sie automatisch übernimmt. Bei einigen Menschen verfestigen sich diese Bilder allerdings nicht nur, sondern führen zu einem bestimmten Verhalten: "Die Palette an möglichen Reaktionen ist breit. Sie reicht von weichen Formen, der Kontaktvermeidung beispielsweise, das heißt man geht allen Ausländern oder gegen welche Gruppe man eben seine Vorbehalte hat, aus dem Weg, bis hin zu gewalttätigen Übergriffen", so der Wissenschaftler.
Die Gründe dafür sind vielfältig. In der Forschung geht man unter anderem davon aus, dass die Persönlichkeitsstruktur die Übernahme von Vorurteilen fördert, beispielsweise bei unsicheren, ängstlichen Menschen, die nicht schnell umlernen können. Auch autoritäre Personen, die im Elternhaus gedemütigt wurden, sind anfälliger, übertragen ihre Verbitterung auf Fremdgruppen. Sitzt ein Feindbild erst mal fest, kann keine Statistik vom Gegenteil überzeugen. "Ein typischer Satz von Menschen mit vorgefassten Meinungen lautet: Ich kenne aber jemanden, der genau diese Eigenschaften hat", sagt Bergmann. "Mitmenschlichkeit, Rationalität und Einfühlungsvermögen in die Situation anderer kennen sie nicht."
Leicht übersieht man dabei, dass Vorurteile auch aus der anderen Richtung existieren: "In der islamischen Welt hat man ganz konkrete Vorstellungen vom Westen", sagt Omar Kamil, ägyptischer Sozialforscher an der Universität Leipzig. "Man kennt hier keine Moral, man vertritt nur eigene Interessen, die Familie hat keinen Wert. So denkt man über den Westen." Eine Folge aus Geschichtserfahrung und Tradition, glaubt der Wissenschaftler Kamil. Besonders das unterschiedliche Religionsverständnis erschwert den unverstellten Blick auf den Westen. "Auf der einen Seite sieht die islamische Welt den Glanz des Westens, den Fortschritt. Aber versteht sich selbst als die übermächtige Religion, die diesen Erfolg verdient hätte und bloß nicht geschafft hat", sagt Kamil. "Was viele Muslime momentan allerdings mehr bedrückt, ist der Pauschalverdacht: 'Das sind doch alles Terroristen'", bedauert er.
Aufklärung für Anfänger/innen
Damit sich solche Pauschalurteile erst gar nicht bilden, setzen viele Projekte in Deutschland bei Kindern und Jugendlichen an. In multikulturellen Kindergärten, europäischen Jugendaktionen versucht man, einen sensiblen Umgang mit fremden Kulturen zu trainieren. Kinder sind etwa bis zum fünften Lebensjahr wie ein weißes Blatt Papier, kennen keine Unterschiede. Die Muster an Vorstellungsbildern werden erst von Eltern, der Schule und der Öffentlichkeit eingestanzt, speziell den Medien. "Medien haben eine so genannte Standardsprache, die sie beständig wiederholen", erklärt Prof. Dr. Kurt Luger, der an der Universität Salzburg eine Professur für transkulturelle Kommunikation hat. "Oft fehlt in Redaktionen die Zeit, um ausgiebig zu recherchieren, dann werden diese wiederkehrenden Bilder einfach wiederholt."
Studien zeigen, dass die Berichterstattung über das Ausland tatsächlich kaum variiert, in vielen Beiträgen Kriminalität und Terrorismus im Fokus stehen. Einige Initiativen wie More Colour in Media, ein Netzwerk von multikulturellen TV- und Radioprogrammen, versuchen sich daher der Verantwortung zu stellen und wollen beispielsweise mehr Menschen mit Migrationshintergrund zu Jobs in den Medien verhelfen. Die Vorabendserie "Türkisch für Anfänger" im ZDF hat kürzlich den Grimme-Preis bekommen. Für den Versuch, kulturelle Unterschiede zwischen Türken/innen und Deutschen humorvoll und sensibel zu erklären. Ein guter Anfang. Denn "es ist schwieriger, eine vorgefasste Meinung zu zertrümmern als ein Atom", sagte zwar einst Albert Einstein. Unmöglich ist es nicht.
Bianca Gerlach schreibt für Magazine. Sie lebt in Hamburg.