Das Kasino hat geschlossen
Bankrotte Banken, unfähige Unternehmer, Millionen Menschen ohne Job. Die schwerste Wirtschaftskrise seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat das Vertrauen der Menschen in den Kapitalismus erschüttert. Wie konnte es so weit kommen? Unsere Kollegen von fluter.de führten ein Gespräch mit Ulrich Schäfer, dem Leiter der Wirtschaftsredaktion der Süddeutschen Zeitung, über die Gier nach dem schnellen Geld, eine Welt ohne Regeln und warum der Markt eben doch nicht alles allein regelt.
Herr Schäfer, ganz ehrlich: Haben Sie die Krise vorausgesehen?
Ich habe sie nicht vor Jahren, aber doch vor einiger Zeit kommen sehen. Als die Krise vor bald zwei Jahren in den USA begann, war eigentlich sehr schnell klar, dass das keine isolierte amerikanische Immobilienkrise bleiben würde, sondern sie sich zu einer weltweiten Finanzkrise auswachsen würde.
Staaten geben Hunderte Milliarden Dollar aus, trotzdem gehen Banken pleite und die Wirtschaft stürzt ab: Wie konnte es überhaupt zu diesem weltweiten Chaos kommen?
Die kurze Antwort lautet: Viele Menschen in den Büros der Banken und auf den Börsenplätzen waren sehr gierig, sie haben nicht mehr auf finanzielle Risiken geachtet und sind Geschäfte eingegangen, die einfach zu gefährlich waren.
Und die lange Antwort?
Die Krise hat eine Vorgeschichte, die knapp dreieinhalb Jahrzehnte zurückreicht. Seit Anfang der siebziger Jahre hat es weltweit einen Prozess der Privatisierung und Deregulierung gegeben. Das heißt, der Staat hat sich aus dem Wirtschaftsleben immer weiter zurückgezogen. Das hatte positive Folgen. Viele Unternehmen erlebten einen Modernisierungsschub und für die Kunden wurde vieles günstiger, zum Beispiel die Telefongebühren. Der Staat gab die Kontrolle über viele Wirtschaftsbereiche einfach auf. Besonders die Finanzwelt wurde sich selbst überlassen und organisierte ohne staatliche Regeln den globalen Aktien- und Devisenhandel. Die Geschäfte auf den freien Märkten wurden immer gewagter, was Mitte der neunziger Jahre zu einer ersten großen Krise führte.
Welche Krise war das?
Die Krisen der Schwellenländer. Mexiko, Thailand oder Südkorea hatten jahrelang einen rasanten Aufschwung erlebt. Sie hatten ihre Kapitalmärkte sehr schnell liberalisiert und sich der Weltwirtschaft geöffnet, obwohl sie darauf nicht vorbereitet waren. Irgendwann zeigte sich, dass der Boom dieser Länder auf wackligem Fundament stand, und so wetteten Spekulanten gegen die Währungen dieser Staaten, die daraufhin abstürzten. Die zweite Krise hängt damit zusammen, denn dass globale Kapital wurde aus den bankrotten Staaten abgezogen und floss zurück in die westlichen Industrieländer wie die USA und feuerte dort den Boom der New Economy an. Der Hype ums Internet führte wiederum dazu, dass Risiken ausgeblendet wurden. Bis den Leuten dämmerte, dass eine Internetbude mit nur hundert Mitarbeitern, die keinen Gewinn machte, nicht wie zum Beispiel die Lufthansa Milliarden von Euro wert sein konnte. Im Jahr 2000 platzte diese Blase und die Börsen stürzten um 70 bis 80 Prozent ab.
Das ist noch keine zehn Jahre her. Hat niemand Lehren aus dem Crash der New Economy gezogen?
Leider nein, vielmehr wurden damals die Grundlagen für unsere jetzige Krise gelegt. Die amerikanische Notenbank senkte nach dem Ende der New Economy und den Terroranschlägen vom 11. September 2001 die Zinsen, um mit dem billigen Geld die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Mit den vielen Dollars kauften sich Leute Häuser, die sie sich eigentlich nicht leisten konnten, Banken vergaben bereitwillig Kredite für risikoreiche Geschäfte, Börsenhändler spekulierten mit immer fantastischeren Wertpapieren und besorgten sich das Geld dafür auf Pump. Diese Blase des billigen Geldes ist nun geplatzt und die Folgen für die Wirtschaft sind noch nicht abzusehen.
Die Finanzkrise ab 2007 ist eine Banken- und Finanzkrise, die im Frühsommer 2007 mit der US-Immobilienkrise (auch Subprimekrise) begann. Diese Krise äußerte sich weltweit in Verlusten und Insolvenzen bei Unternehmen der Finanzbranche, aber seit Ende 2008 auch in der Realwirtschaft. Die Krise wurde wesentlich durch fallende Immobilienpreise in den USA beeinflusst, die sich nach einer langen Preissteigerungsphase zu einer Immobilienblase entwickelt hatten. Gleichzeitig konnten immer mehr Kreditnehmer ihre Kreditraten nicht mehr bedienen, teils aufgrund steigender Zinsen, teils infolge sinkender Einkommen. Da per Weiterverkauf der Kredite (Verbriefung) diese in aller Welt verstreut waren, weitete sich die Krise international aus. Seit Ende 2008 sind weite Teile der Weltwirtschaft von der Krise betroffen. Die Wirtschaft schrumpfte unter anderem in Deutschland, Frankreich und den USA. In den Vereinigten Staaten wird der anhaltend stärkste Wirtschaftsrückgang seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs gemeldet. Gravierend sind auch die Auswirkungen in der Türkei sowie in Japan, Südkorea und Italien. Viele Schwellenländer wie China, Russland, Indien und Brasilien verzeichneten eine Verringerung ihrer Wachstumsraten.
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Wirtschaftskrise
Ist der Mensch also einfach zu gierig, um wirtschaftlich verantwortungsbewusst zu handeln?
Es gibt leider nicht nur einen Grund für die Krise. Ein wichtiger Punkt ist sicher der unbedingte Glaube, dass der Markt alles regelt. Über Jahre wurde daraus eine recht einfältige Heilslehre: Es ist immer richtig, wenn der Staat sich zurückhält und der Markt die ganze Macht hat. Dabei hätten die Ökonomen aufgrund der Erfahrungen aus der Vergangenheit wissen müssen, dass auch der Markt Grenzen braucht, innerhalb derer der Wettbewerb geordnet stattfinden kann. Ohne solche Regeln verkommen die Finanzmärkte zu Kasinos. Und wenn der Mensch einmal sieht, wie leicht Geld zu verdienen ist, dann will er natürlich immer mehr Geld noch leichter verdienen. Gier gab es schon immer, aber in den letzten zwanzig Jahren hatte sie es besonders leicht.
Wie viel Geld hat die Welt denn der Glaube, dass der Markt alles regelt, bisher gekostet?
Die aktuellen Hochrechnungen des Internationalen Währungsfonds sagen, dass die Banken und Fonds bis jetzt ungefähr zwei Billionen Dollar verbrannt haben. Ich glaube, dass das aber noch nicht alles ist, weil die Staaten ja mit mehreren Billionen versuchen, die Finanzwelt und die Wirtschaft zu stützen. Das zahlen am Ende die Bürger mit ihren Steuergeldern.