Mehr zum Thema

Unsere Top-News

    • Europa
    • Protest
    • Politik
    Helden

    Wollen wir den EM-Boykott?

    Der brisante Fall Tymoschenko, der ukrainischen Ex-Staatschefin in Haft, ist in aller Munde. Viele europäische Politiker wollen nun die Fußball-EM boykottieren, um ein Statement gegen die
    mehr
    • streetblogger
    • Kriminalität
    • WAS SAGT DIE STRASSE
    Menschen

    Wie gefährlich ist Frankfurt?

    Über DU HAST DIE MACHT hat Cihan davon erfahren, dass Frankfurt (a.M.) die gefährlichste Stadt Deutschlands sein soll. Und da es ja von Offenbach bis nach Mainhattan nicht viel mehr als einen
    mehr

Ballhaus Naunynstraße: Born to be bastards?

Asli Özarslan vor einem Almanci-Plakat. Das Theaterfestival begi
  • streetblogger
  • Integration
  • Migration
  • Zugehört
31. August 2011

Das Ballhaus Naunynstraße ist mehr als ein Theater obwohl es gar nicht mehr als ein Theater sein möchte. Wir trafen die junge Filmemacherin Asli Özarslan und haben uns das erklären lassen.

Und so verließ Asli das Theater mit dem Gefühl, auch einen Beitrag leisten zu wollen, mehr sein zu wollen, als bloß eine Zuschauerin im Zuschauerraum: Sie wollte der Bühne eine Bühne geben. Die Idee für ihren ersten Dokumentarfilm kam wie von selbst, sie brauchte gar nicht lange danach suchen.
Sie begann, Geld zu sammeln, von der Familie, den Freunden, der Universität, dem Rotary Club, im Winter 2010 dann stürzte sie sich in die Arbeit. Dabei entstanden ist ein Film, der gerade erst Premiere feierte: Bastarde. Man weiss nicht woher sie kommen. Wohin sie gehen. Immer präsent auf der Straße. Eigentlich Teil des Lebens. Meistens werden sie ausgestossen. Aber sie überleben trotzdem, so lautet das Zitat auf dem Filmplakat. "Eine provokante Art zu sagen: Mischlingskinder."

Im legendären Moviemiento-Kino in Kreuzberg wurde "Bastarde" gezeigt – und der Andrang war überwältigend. "Ich hatte vielleicht mit 50 Personen gerechnet oder so", lacht Asli, "aber dann war das Kino so voll, dass manche Leute stehen mussten. Für mich war das natürlich wundervoll!"

"Bastarde" ist nur 25 Minuten lang – doch die reichen, um einen tiefen Einblick in die ästhetische und künstlerische Arbeit des Ballhauses zu geben. Shermin Langhoff, die als Intendantin des Ballhaus Naunynstraße jüngst den renommierten Kairos- Künstler-Preis erhielt, ist eine der Protagonistinnen, neben Tuncay Kulaoglu (Chefdramaturg), Neco Celik (Regisseur) und Nurkan Erpulat (Regisseur).

"Ich bin Deutsche", erklärt Asli, "aber meine Familie kommt ursprünglich aus der Türkei. Ich gehöre zur dritten Generation. Für die Türken in der Türkei sind wir kein Thema und die Deutschen sehen uns nicht wirklich als Deutsche. Eben diese dritte Generation versteht das Ballhaus so gut. Uns, denen immer unterstellt wird, "irgendwo Dazwischen" zu sein".
Sie liebt Theater, dem es gelingt "hinter das Thema" zu schauen, wie sie sagt. "In den Medien werden Deutschtürken immer noch mit so einem komischen Stempel versehen, also nicht besonders positiv. Ich würde unsere Identität ganz anders beschreiben: Wir sind Deutsche und wir sprechen deutsch. Aber wir haben das Glück, in einer zweiten Kultur zu Hause zu sein und immer auch einen zweiten Blick auf die Dinge zu haben. Das ist alles." Das Ballhaus Naunynstraße benutzt diesen zweiten Blick. Es ist ein deutsches Theater, das die Dinge aus einer anderen Perspektive betrachtet. Denn die Migrationsgeschichte ist nicht Teil der türkischen Vergangenheit. Sie gehört zur Geschichte Deutschlands. Bewusst spielt das Theater mit Klischees und aufgedrückten Identitäten. Es möchte das Bild des Migranten in den Medien ad absurdum führen – und zeigen, dass alle Seiten nur verlieren können, wenn sie nicht offener aufeinander zugehen.

Obwohl das Ballhaus Naunynstraße in Berlin längst etabliert ist, haben Menschen außerhalb der Stadt oft noch nicht davon gehört. "Als ich den Film in meiner Uni in Bayreuth zeigte, waren viele echt überrascht – und alle wollten bei ihrem nächsten Berlin-Besuch im Ballhaus vorbeischauen."
Das Ballhaus überzeugt durch seine Offenheit; selten ist eine Vorstellung nicht ausverkauft. Doch auch wenn es das einzige seiner Art ist, kämpft das kleine Theater in der Naunynstraße immer wieder ums Überleben: Ohne Fördermittel kann es sich nicht finanzieren – und die sind trotz Modernität und Zeitgeist schwer zu finden.
Asli trägt zu diesem Kampf bei. Als Journalistin und Filmemacherin exportiert sie die "Perspektive Ballhaus": gegen Etiketten. Für eine Öffnung der Theaterlandschaft. "Viele Universitäten im In- und Ausland möchten meinen Film zeigen. Ich habe ihn inzwischen untertitelt - ich glaube, das ist eine tolle Möglichkeiten, post-migrantisches Theater unter die Leute zu bringen." Asli hofft, dass der Film Menschen in anderen Städten und Ländern dazu anregt, ähnliche Projekte zu starten – und denkt bereits darüber nach, wie es für sie jetzt weitergehen kann: Denn Ideen hat sie viele.

Übersetzung: Anna Mauersberger

Über den Autor: Marc Serena ist junger Journalist und Autor und lebt in Barcelona. In seinem Erstlingswerk „La vuelta de los 25“ beschreibt er 25 Begegnungen mit 25-jährigen in 25 unterschiedlichen Ländern der Welt. Der Text „Born to be bastards?“ entstand im Rahmen des diesjährigen M100-Workshops, der von DU HAST DIE MACHT mit ausgerichtet wurde.
Über Streetblogger: Streetblogger sind alle freien Journalisten, die zu DU HAST DIE MACHT beitragen. Möchtest auch du mitmachen? Dann schick uns deinen Text an [email protected]

Über das Theaterfestival Almanci - 50 Jahre Scheinehe: Mit dem Theaterfestival Almancı! – 50 Jahre Scheinehe feiert und reflektiert das Ballhaus Naunynstraße zum Auftakt der Spielzeit 2011/2012 das 50-jährige Jubiläum des Anwerbeabkommens Deutschlands mit der Türkei. (31. August - 31. Oktober)

Eure Kommentare

    • Protest
    • streetblogger
    Zukunft

    Alles nur Theater?

    Hannah Valentin - DU HAST DIE MACHT Streetbloggerin und Hauptdarstellerin unserer Onlineserie "Wenn Du Dich Traust" hat uns einen Beitrag zugeschanzt. Das Werk9 Jugendhaus in Berlin Mitte, in dem Sie teil eines Theaterstücks ist, soll geschlossen mehr
    • Kultur
    • Krieg
    Helden

    Eine Generation im Krieg.

    Was kommt dir in den Sinn, wenn du an Afghanistan denkst? Taliban, Osama bin Laden, Nato-Truppen, Krieg? Nicht mehr und nicht weniger vermutlich. Aber was wissen wir eigentlich über die Menschen, die am Hindukusch aufgewachsen sind und versuchen ein mehr
    • streetblogger
    Jugendliche

    Was weiß Deutschland?

    Unser "Berufsjugendlicher" Cihan war wieder als Streetblogger auf den Straßen von Frankfurt unterwegs. Nachdem er sich einige unserer Action-Bags beim Event "Zugehört!" stibitzt hatte, will er sie jetzt an die jungen Menschen in seiner Heimat mehr
    • Rassismus
    • Kriminalität
    • Prekariat
    Zukunft

    Polizei: Der Kiezfeind Nr.1

    Soldiner Kiez: Ein sozialer Brennpunkt in Berlin. Kriminalität und Gewalt ist hier, insbesondere bei den Jugendlichen, an der Tagesordnung. Die ansässige Polizei ist oft machtlos und hat schon genug damit zu tun, sich selbst vor den aggressiven mehr
    • Protest
    • Jugendkultur

    Bis zum Schluss.

    Der Kampf um Berlins Kunsthaus Nummer 1 geht in die nächste Runde. Gestern wurde das legendäre mehr
    • Zugehört

    Warm Up mit Megaloh

    Der 29.Februar rückt immer näher und die Vorbereitungen für das große mehr
    • Bildungspolitik
    • Protest
    • Prekariat

    Sexy versus Radikal

    Intelligent, Charmant, Kämpferisch: Camila Valejo gilt in Chile als Star: Die einstige Anführerin mehr
    • Integration
    • wirtschafl
    • Zugehört

    Sind wir nicht alle ein

    "Zugehört!", das Polit-Battle in der Box-Arena, geht in die heiße Phase. Schick uns jetzt deine mehr
Mehr Menschen