Ballhaus Naunynstraße: Born to be bastards?
Das Ballhaus Naunynstraße ist mehr als ein Theater obwohl es gar nicht mehr als ein Theater sein möchte. Wir trafen die junge Filmemacherin Asli Özarslan und haben uns das erklären lassen.
Und so verließ Asli das Theater mit dem Gefühl, auch einen Beitrag leisten zu wollen, mehr sein zu wollen, als bloß eine Zuschauerin im Zuschauerraum: Sie wollte der Bühne eine Bühne geben. Die Idee für ihren ersten Dokumentarfilm kam wie von selbst, sie brauchte gar nicht lange danach suchen.
Sie begann, Geld zu sammeln, von der Familie, den Freunden, der Universität, dem Rotary Club, im Winter 2010 dann stürzte sie sich in die Arbeit. Dabei entstanden ist ein Film, der gerade erst Premiere feierte: Bastarde. Man weiss nicht woher sie kommen. Wohin sie gehen. Immer präsent auf der Straße. Eigentlich Teil des Lebens. Meistens werden sie ausgestossen. Aber sie überleben trotzdem, so lautet das Zitat auf dem Filmplakat. "Eine provokante Art zu sagen: Mischlingskinder."
Im legendären Moviemiento-Kino in Kreuzberg wurde "Bastarde" gezeigt – und der Andrang war überwältigend. "Ich hatte vielleicht mit 50 Personen gerechnet oder so", lacht Asli, "aber dann war das Kino so voll, dass manche Leute stehen mussten. Für mich war das natürlich wundervoll!"
"Bastarde" ist nur 25 Minuten lang – doch die reichen, um einen tiefen Einblick in die ästhetische und künstlerische Arbeit des Ballhauses zu geben. Shermin Langhoff, die als Intendantin des Ballhaus Naunynstraße jüngst den renommierten Kairos- Künstler-Preis erhielt, ist eine der Protagonistinnen, neben Tuncay Kulaoglu (Chefdramaturg), Neco Celik (Regisseur) und Nurkan Erpulat (Regisseur).
"Ich bin Deutsche", erklärt Asli, "aber meine Familie kommt ursprünglich aus der Türkei. Ich gehöre zur dritten Generation. Für die Türken in der Türkei sind wir kein Thema und die Deutschen sehen uns nicht wirklich als Deutsche. Eben diese dritte Generation versteht das Ballhaus so gut. Uns, denen immer unterstellt wird, "irgendwo Dazwischen" zu sein".
Sie liebt Theater, dem es gelingt "hinter das Thema" zu schauen, wie sie sagt. "In den Medien werden Deutschtürken immer noch mit so einem komischen Stempel versehen, also nicht besonders positiv. Ich würde unsere Identität ganz anders beschreiben: Wir sind Deutsche und wir sprechen deutsch. Aber wir haben das Glück, in einer zweiten Kultur zu Hause zu sein und immer auch einen zweiten Blick auf die Dinge zu haben. Das ist alles." Das Ballhaus Naunynstraße benutzt diesen zweiten Blick. Es ist ein deutsches Theater, das die Dinge aus einer anderen Perspektive betrachtet. Denn die Migrationsgeschichte ist nicht Teil der türkischen Vergangenheit. Sie gehört zur Geschichte Deutschlands. Bewusst spielt das Theater mit Klischees und aufgedrückten Identitäten. Es möchte das Bild des Migranten in den Medien ad absurdum führen – und zeigen, dass alle Seiten nur verlieren können, wenn sie nicht offener aufeinander zugehen.
Obwohl das Ballhaus Naunynstraße in Berlin längst etabliert ist, haben Menschen außerhalb der Stadt oft noch nicht davon gehört. "Als ich den Film in meiner Uni in Bayreuth zeigte, waren viele echt überrascht – und alle wollten bei ihrem nächsten Berlin-Besuch im Ballhaus vorbeischauen."
Das Ballhaus überzeugt durch seine Offenheit; selten ist eine Vorstellung nicht ausverkauft. Doch auch wenn es das einzige seiner Art ist, kämpft das kleine Theater in der Naunynstraße immer wieder ums Überleben: Ohne Fördermittel kann es sich nicht finanzieren – und die sind trotz Modernität und Zeitgeist schwer zu finden.
Asli trägt zu diesem Kampf bei. Als Journalistin und Filmemacherin exportiert sie die "Perspektive Ballhaus": gegen Etiketten. Für eine Öffnung der Theaterlandschaft. "Viele Universitäten im In- und Ausland möchten meinen Film zeigen. Ich habe ihn inzwischen untertitelt - ich glaube, das ist eine tolle Möglichkeiten, post-migrantisches Theater unter die Leute zu bringen." Asli hofft, dass der Film Menschen in anderen Städten und Ländern dazu anregt, ähnliche Projekte zu starten – und denkt bereits darüber nach, wie es für sie jetzt weitergehen kann: Denn Ideen hat sie viele.
Übersetzung: Anna Mauersberger
Über den Autor: Marc Serena ist junger Journalist und Autor und lebt in Barcelona. In seinem Erstlingswerk „La vuelta de los 25“ beschreibt er 25 Begegnungen mit 25-jährigen in 25 unterschiedlichen Ländern der Welt. Der Text „Born to be bastards?“ entstand im Rahmen des diesjährigen M100-Workshops, der von DU HAST DIE MACHT mit ausgerichtet wurde.
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Über das Theaterfestival Almanci - 50 Jahre Scheinehe: Mit dem Theaterfestival Almancı! – 50 Jahre Scheinehe feiert und reflektiert das Ballhaus Naunynstraße zum Auftakt der Spielzeit 2011/2012 das 50-jährige Jubiläum des Anwerbeabkommens Deutschlands mit der Türkei. (31. August - 31. Oktober)