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„Viel Spaß beim ersten Mal!“

19. September 2011

Der Brief mit meinem Einsatzort und meiner Tätigkeit flattert Anfang August ins Haus. Stellvertretende Schriftführerin soll ich also sein. Klingt ja wichtig. Einsatzort ist eine Grundschule in Wedding. Ich bin gespannt. Dienstbeginn ist 7:00 Uhr am Wahltag. Reichlich früh, aber das passt schon. Zwei Tage später kommt meine Wahlbenachrichtigung. Da ich am Sonntag schlecht meinen Platz im Wahlbüro verlassen kann, um selber meine Kreuzchen zu machen, entscheide ich mich für die Briefwahl. Am Freitag vor der Wahl  begrüßt mich ein fetter brauner Umschlag beim Öffnen meines Briefkastens. In ihm finde ich alle Infos und Musterbeispiele, wichtige Telefonnummern und so weiter. Langsam bin ich ganz schön aufgeregt...   

Sonntag - Tag der Wahl - 5:20 Uhr: Mein Wecker holt mich direkt aus der Tiefschlafphase. Super schön. Ich schiele auf das Ziffernblatt. Riskier ich noch 10 Minuten? Besser nicht. Wenn ich verpenne wird es knapp. Also hoch und erstmal duschen. Draußen ist es noch dunkel. Was für ne Aufstehzeit für nen Sonntag. Was hab ich mir dabei nur gedacht...  

06:24 Uhr: Na toll, meine U-Bahn fährt mir vor der Nase weg. Die nächste kommt erst 13 Minuten später. Zeit genug, sich nochmal auf die Bank zu hocken. Auf der anderen Bahnsteigseite lachen ein paar Jungs über die gerade beendete Clubnacht. Schön mit Bierchen in der Hand werden sie gleich nach Hause taumeln und ins Bett fallen. Und ich brauch dringend nen Kaffee. Mit ihnen tauschen möchte ich trotzdem nicht.

 06:53 Uhr: Ich hab die Grundschule gefunden. Gerade, als es anfängt, zu regnen. Vor der Tür begrüßt mich ein Mitfreiwilliger. Er stellt sich als Stefan vor. Zwei, drei Sätze Smalltalk und ich krieg raus, dass er im öffentlichen Dienst arbeitet und sich sein Ehrenamt nicht ausgesucht hat. Er freut sich aber trotzdem auf den Tag. Gemeinsam suchen wir das Wahllokal und treffen dort auf Walter, unseren Wahlvorsteher und Liliane, seine Stellvertreterin. Walter ist Uni-Professor, Liliane Ärztin. Sie hat sich freiwillig gemeldet, er - als Angestellter im öffentlichen Dienst - musste antreten. Er habe das schon öfter gemacht, sagt er und lacht.  

07:00 Uhr: In der Zwischenzeit sind auch Jan und Uwe, die noch fehlenden Mitglieder des Wahlvorstandes im Klassenzimmer aufgetaucht. Gemeinsam hängen wir die Schilder für unser Wahllokal auf und ich bekomme raus, was die beiden machen, wenn sie ihren Tag nicht im Wahllokal verbringen. Jan arbeitet bei der Deutschen Bahn und Uwe bei der BVG. Eine spannende Mischung. Ich freue mich auf den Tag.  

07:42 Uhr: Die Wegweiser ins Wahllokal hängen, die Wahlkabinen stehen, die Stifte sind an Kordeln befestigt, damit sie nicht mitgenommen werden. Wir stapeln die drei Wahlscheine auf einem der Tische in Griffweite. Einer ist für die Bezirksverordnetenversammlung und je einer für die Erst- und Zweitstimme für das Abgeordnetenhaus. Noch schnell ein kritischer Blick auf die Uhr... passt. Ich geh nochmal an die frische Luft. Auf dem Weg nach draußen begegnet mit ein dicker, roter Kater. Schnurrend wirft er sich vor meine Füße. Ich muss grinsen.  

08:00 Uhr: Walter erklärt die Wahlhandlung für offiziell eröffnet. Der erste Wähler wartet schon. Der Wahlgang dauert keine 3 Minuten und schon ist er mit einem „Schönen Sonntag noch“ aus dem Klassenzimmer verschwunden. In den folgenden 25 Minuten kommen gut 15 Wahlberechtigte und machen ihr Kreuzchen. Ich wundere mich, wie früh die Leute am Sonntag unterwegs sind, um Wählen zu gehen.

08:37 Uhr: Es regnet in Strömen. Im Wahllokal ist gähnende Leere. Der Hausmeister der Grundschule guckt durch die Tür: „Und, wie ist die Wahlbeteiligung?“, erkundigt er sich. „Mäßig“, raunt Uwe über seine Thermoskanne gebeugt. Ich erkundige mich nach dem Namen des Katers. Eddie heißt er. Ich hol mir nen Kaffee.  

10:24 Uhr: Der Regen hört nicht auf. Ein paar wasserfeste Stimmabgeber sind dennoch aufgetaucht. Meine Mitstreiter und ich spekulieren über die Wahlbeteiligung. Stefan ist wenig optimistisch. Jan erhofft sich „um die 400 Wähler“ in diesem Wahlkreis. „Das wären 40 %“, klärt er mich auf. Ich glaube eher an 30%. Bei dem Wetter...  Wir vertreiben uns die Zeit mit Smalltalk. Ich erfahre von Liliane, warum es Privatpatienten besser haben als Kassenpatienten, Uwe erzählt mir von seinen Erlebnissen bei den Touren von „Berliner Unterwelten“ und Jan klärt mich über das Beschwerdemanagement bei der deutschen Bahn auf. Eddie ( ja richtig, der Kater) hat es sich im Flur der Grundschule gemütlich gemacht. Ich hab Lust auf Kuchen. 

12:00 Uhr: Walter greift zum Telefon und übermittelt die bisherige Wahlbeteiligung. Jan kommt aus seiner Mittagspause zurück. Da er in der Nähe wohnt, konnte er die Pause zur Abgabe seiner Stimme nutzen und hat dem Bäcker auf dem Rückweg einen Besuch abgestattet . Mit einem breiten Grinsen zaubert er Kuchen aus seinem Rucksack und erzählt von seinen Erlebnissen im Wahllokal um die Ecke. „Da stehen die Schlange“, staunt er. Bei uns inzwischen auch. Alle Kabinen sind besetzt. Die Wähler müssen warten.  

14:26 Uhr: Der Tag zieht sich. Nach dem Mittagsansturm mit gut 100 Wählern in der Stunde ist es nun recht ruhig geworden. Uwe haut einen dreckigen Witz nach dem nächsten raus. Der Lagerkoller setzt ein. Und ich dachte immer, eine Wahl ist nicht lustig. Falsch gedacht. Inzwischen hakt Jan die Wähler im Wahlverzeichnis ab. Seine Hand, die er für die Entgegennahme des Personalausweises den Wählern entgegengestreckt, wird als Aufforderung zum Handschlag missverstanden. Uwe bricht in schallendes Gelächter aus. „So isset richtig“, prustet er in breitem Berlinerisch, „Bürgernähe is, wenn der Wahlvorstand den Wähler mit Handschlag begrüßt.“ Ich lieg vor Lachen fast unterm Tisch.  

Die Wahlergebnisse im Überblick: Klaus Wowereit bleibt Regierender Bürgermeister von Berlin. Die FDP hat mit massiven Verlusten zu kämpfen und zieht nicht ins Abgeordnetenhaus. Heimliche Sieger der Wahl sind aber die Piraten. Sie schaffen es erstmals nach Parteigründung vor 5 Jahren in ein Landesparlament. 

16:00 Uhr: Walter greift wieder zum Telefon und übermittelt die Wahlbeteiligung. Das Klassenzimmer ist voll. Eine Familie ist mit allen drei Generationen zur Wahl aufgetaucht. Die jüngste Tochter darf in vier Jahren dann auch endlich wählen, sagt der Vater stolz. „Wählen ist wichtig“, bekräftigt die Mutter. Innerhalb weniger Minuten ist das Klassenzimmer wieder leer. Eine junge Frau tritt ein. Ob alle Kabinen besetzt seien, fragt sie. „Nein, sie haben freie Wahl“, schmunzelt Walter. „Sie können ganz in Ruhe drei Kreuze machen“, kommt es von mir. Die Frau schmunzelt.   

16:28 Uhr: Ein etwa 16- oder 17-Jähriger steckt seinen Kopf neugierig durch die offene Tür. Ob er hier wählen könne, erkundigt er sich vorsichtig. Jan winkt ihn rein und macht ihn im Wahlverzeichnis ausfindig. „Viel Spaß beim ersten Mal“, wünscht er dem jungen Mann bei der Ausgabe des Wahlscheins. Uwe prustet los. Wahltag ist Kalauertag.   

17:51 Uhr: Kurz vor Wahlschluss wird es nochmal voll im Wahllokal. Walter behält die Uhr im Auge. Punkt 18 Uhr muss Schluss sein.   

18:01 Uhr: Walter holt den Schlüssel für die Urne aus einem Umschlag. Auf das Öffnen freuen wir uns schon den ganzen Tag, auch wenn wir wissen, dass wir mindestens noch 2 Stunden hier sitzen werden. Jan öffnet die Urne und schüttet den Inhalt vorsichtig auf den Tisch. Jetzt wird sortiert.  Drei unterschiedliche Zettel, drei unterschiedliche Stapel. Erst werden alle sortiert, dann die gültigen von den ungültigen getrennt. Dann wird gezählt, jeder Stapel drei Mal. Kontrolle muss sein. Zum Schluss zählen wir die Stimmen für die einzelnen Parteien.  

19:48 Uhr: Die Bezirksverordnetenversammlung und die Zweitstimme für das Abgeordnetenhaus ist ausgezählt. Schnell wird klar, dass die FDP nicht gut weggekommen ist. Die Piraten schon. Selbst die NPD hat mehr Stimmen als die FDP bekommen. Zumindest in unserem Wahlkreis.  

20:48 Uhr: Wir sind fertig. Alle Wahlscheine sind gezählt, die Stimmenanzahl notiert und übermittelt, die Umschläge versiegelt. Sollten wir repräsentativ sein, sieht es gut für die Piraten aus. Mehr wissen wir aber erst, wenn wir zuhause die Ergebnisse in den Nachrichten verfolgt haben. Müde aber stolz verabschieden wir uns voneinander.   

21:02 Uhr: Ich sitze in der S-Bahn nach Hause und lächle. Ich hätte nicht gedacht, dass ich so viel Spaß haben werde. Lag bestimmt auch an meinem netten Team. Der Wahltag war alles andere als langweilig und ich habe viel gelernt. Dafür hab ich gerne meinen Sonntag geopfert und hatte viel Spaß bei meinem ersten Mal... als Wahlhelferin.

(Die Namen der Wahlhelfer wurden von der Redaktion geändert)

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