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15. Juni 2011

In ganz Europa brennt die Luft. Junge Menschen gehen auf die Straße um ihrer Wut gegen die politische Obrigkeit Luft zu machen. Folgt auf den arabischen Frühling etwa ein europäischer Sommer?

Junge Menschen in ganz Europa sind wütend. Seit Jahren werden politische Machtkämpfe auf ihrem Rücken ausgetragen: Sie sind die ersten Leidtragenden, wenn der Staat Schulden hat;  sie müssen die Wirtschaftskrise bitter bezahlen. Unsere Zukunft ist der Politik scheißegal, so scheint es, die Zahlen, die in den letzten Statistiken ermittelt wurden, sprechen Bände: Unsere Generation ist verschuldet, perspektivlos, verängstigt, arbeitslos, depressiv, schlecht gelaunt, alkoholabhängig, gelangweilt – und dabei durchaus gut ausgebildet. Viele von uns sprechen gleich mehrere Sprachen, beherrschen Computerprogramme, von denen die Alten noch nicht einmal die Namen aussprechen können, sind weit gereist, kennen die Welt nicht nur aus Büchern und Karten. Hallo? Erde an Oben: Es ist dumm, uns nicht ernst zu nehmen. Wenn wir wollen, sind wir stärker als ihr.

In Spanien macht das Volk, darunter viele Jugendliche, der Politik seit Mitte Mai die Hölle heiß, in Barcelona mussten Politiker heute gar mit Hubschraubern ausgeflogen werden. Vor der Bastille in Paris aber auch in anderen französischen Städten solidarisierten sich junge Franzosen mit den spanischen Protestlern. Zwar wollen sie nicht gleich die Politik stürzen (Einwurf: Warum eigentlich nicht? Da hat Sarkozy aber wirklich Schwein gehabt!), aber mit ihren Sorgen ernstgenommen werden. Im März protestierte die portugiesische Jugend, um sich aus ihrer „Klemme“ zu befreien; seit den Krawallen in Griechenland 2008 geht die „700-Euro-Generation“ immer wieder auf die Straße, um sich zu wehren. Und es wäre höchst seltsam, wenn nicht auch bald in Italien und Irland, vielleicht auch in den osteuropäischen Staaten, die Jugend ihrer Wut freien Lauf machen würde. Warum? Ein Blick auf die Jugendarbeitslosenquoten genügt: In allen der soeben aufgezählten Staaten liegen die Zahlen zwischen 25 und 36 Prozent. Und Arbeitslosigkeit bedeutet Armut. Abhängigkeit. Langeweile. Angst. Perspektivlosigkeit. Kein Geld für Kino. Kein Geld für Konzerte. Frustration. Depression. Wut.

Folgt auf den arabischen Frühling ein europäischer Sommer? Ich kann mir nicht helfen: I hope so. Lo spero. J‘espère. Que viva la revolución. Warum? Weil wir die Zukunft sind.

Doch wo bleibt Deutschland? Erstaunlich ruhig ist es hier, immer noch, obwohl über Facebook schon mehrfach zu (gescheiterten) Großdemonstrationen aufgerufen wurde. In unserem Musterland fallen die Statistiken deutlich positiver aus als im europäischen Durchschnitt. So, wie wir aus der Wirtschaftskrise mit erhobenem Haupt herausgetreten sind, ist auch unser Arbeitsmarkt weiterhin stabil.

Die Jugendarbeitslosigkeit hat sich im letzten Jahr um 2,7 Prozentpunkte verringert (auf 7,9 Prozent). Aber: In der Eurobarometer-Umfrage „Jugend in Bewegung“, die dieses Jahr in allen europäischen Staaten von Brüssel in Auftrag gegeben wurde, gaben 59 Prozent der deutschen Jugendlichen an, in ihrer Stadt oder Region keinen angemessenen Job finden zu können, 46 Prozent meinten, wenn es denn Jobs gäbe, seien diese zu schlecht bezahlt, als dass sie einen guten Lebensstandard garantieren könnten, und 28 Prozent hatten das Gefühl, nicht die richtigen Qualifikationen vermittelt bekommen zu haben, um auf dem Arbeitsmarkt bestehen zu können. (Hier geht es zu den wichtigsten Zahlen und Fakten)

Hinzu kommen die „Einzelschicksale“, die sich in der Summe so gar nicht nach Einzelschicksalen anhören wollen: junge Deutsche, die aufgrund ihres Aussehens, ihrer Herkunft, ihres Geschlechts oder ihrer Vorlieben nicht zu Vorstellungsgesprächen eingeladen werden; gelernte und studierte Praktikanten, die monatelang umsonst arbeiten und dann mit einem Arschtritt vor die Tür befördert werden; Berufseinsteiger, die noch nicht einmal genug Geld verdienen, um Miete und Essen zu bezahlen – und trotzdem im Schnitt 45 Stunden arbeiten. Achtung, Deutschland, wir können auch Wütend. DU HAST DIE MACHT zeigt euch in den nächsten Wochen, worüber junge Deutsche sich durchaus empören können – und warum es sich lohnt, das zu tun. Also: Stay tuned.

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