Die Herrschaft des Mobs
1985 ereignete sich die erste Gewaltwelle im Londoner Bezirk Tottenham. Die sozialen Zustände scheinen sich für die Menschen seit der letzten Eskalation nicht geändert zu haben. Die Gewalt ist kaum noch zu bewältigen.
Auch in dieser Nacht kam es wieder zu heftigen Ausschreitungen in London. Nachdem dieses Wochenende Randale im Stadtteil Tottenham ausbrachen, weitete sich das Konfliktzentrum erst auf die umliegenden Londoner Stadteile Brixton, Clapham, Peckham, Hackney und Ealing aus, inzwischen erfasste die Gewaltwelle auch die Städte Birmingham, Liverpool und Bristol. Laut dpa wurden bisher fast 350 Personen festgenommen, 9 Polizisten verletzt und weitere 1700 Beamte eingesetzt.
Anlass für die Proteste war der Tod von Mark Duggan. Der 29-jährige Mann starb infolge einer Schussverletzung nach einer Auseinandersetzung mit der Scotland Yard-Sondereinheit für organisierte Kriminalität. Nach Angaben der Polizei schoss Duggan auf einen Polizisten.
Die Vorgeschichte Tottenhams
Die Gewalteskalation kam dennoch nicht überraschend, denn der Bezirk Tottenham sorgte schon in der Vergangenheit für Schlagzeilen. Am 6. Oktober 1985 brachen nach dem Tod von Cynthia Jarrett, die in ihrer Jugend aus Jamaika nach Großbritannien immigrierte, Ausschreitungen aus. Die Frau starb während einer Razzia an einem Schlaganfall, der wahrscheinlich durch ein Handgemenge mit der Polizei ausgelöst wurde. Nur eine Woche zuvor wurde in Brixton die Migrantin, Dorethy Groce, von einem Polizisten angeschossen und schwer verletzt.
Die Community von Broadwater Farm im Bezirk Tottenham fühlte sich durch das harte Vorgehen der Londoner Polizei in der Annahme bestätigt, sie hätte rassistische Motive. Die beiden Vorfälle lösten eine Welle der Gewalt aus. Nach Angaben der Metropolitan Police wurden damals mehrere Polizisten durch einen Steine werfenden Mob schwer verletzt und Polizeiautos mit Macheten, Stangen und Messer angegriffen. Die Demonstranten errichteten Straßenbarrikaden und warfen Molotowcocktails. Die Straßenschlacht mündete in dem brutalen Mord an dem Polizisten Keith Henry Blakelock.
Mit der höchsten Arbeitslosenquote in London gilt Tottenham als sozial schwache Gegend. Der Abgeordnete der Labour Partei im Unterhaus, David Lammy, verwies schon im Oktober 2010 auf seiner Website auf die prekäre soziale Situation vor Ort: „Viele der Jobs, die wir hier haben, hängen von der öffentlichen Finanzierung ab.“ Weiter heißt es, „die Kürzung von weiteren 500 000 Stellen im öffentlichen Sektor ist extrem verantwortungslos. Diese unangenehmen und unnötigen Kürzungen werden desaströs für die Community sein.“
Aktuelle Entwicklungen unter der Regierung Camerons
Schon in den 80er Jahren führten Sozialkürzungen und eine hart durchgreifende Polizei zu Frustration und Wut in den schwächer aufgestellten Gemeinden. Die letzten Kürzungen in der Erwachsenenbildung und bei Studiendarlehen dürften insbesondere Gemeinden wie Tottenham und Brixton treffen. Schließlich sind solche Programme darauf ausgerichtet, sozial schwächer Gestellten einen besseren Zugang zu Jobs und einen höheren Bildungsweg zu ermöglichen. Auch bei der Polizei in London nahm die Regierung Budgeteinsparungen vor, obwohl Tottenham und andere Bezirke schon seit 30 Jahren als Problemherde gelten und die Kriminalitätsrate nicht zurückging.
Die Unruhen von Sonntag auf Montag sind das Resultat einer Verkettung von Ereignissen, die fast schon symptomatisch für Tottenham und Umgebung scheinen. Der Tod von Duggan ist nur das Ventil für einen wütenden Mob, der weit mehr zu kritisieren hat als eine rassistisch anmutende Polizei. Die Parallelen, die schon jetzt viele Redakteure zwischen der damaligen Thatcher- und der aktuellen Cameronregierung ziehen, scheinen daher kein Zufall zu sein.
Die Stimmung ist umgeschlagen. Die Gewalt hat nichts mehr mit den Missständen in den unterprivilegierten Bezirken Londons zu tun. Selbst Autonome Websites wie libcom.org distanzieren sich von den Randalierern: „Aber viele Anwohner sahen ihr Zuhause brennen, waren verängstigt von Straßenkämpfern oder haben ihre Autos verloren. Keine Empörung oder Wut kann das rechtfertigen.“ Nachdem Jugendliche während der letzten beiden Nächte Teile von London und anderer Städte in Schutt und Asche legten, versuchen nun Polizei und Politik die Gewalteskalation nun zu beschwichtigen. Der Premierminister David Cameron und andere Politiker werden frühzeitig ihren Urlaub abbrechen. Noch heute soll der Nationale Sicherheitsrat tagen. Die aktuellen Gewaltentwicklungen lenken von der Politik einer neoliberalen Regierung ab, die erst im Juni dieses Jahres ein Sparpaket vorgelegt hat, das Haushaltskürzungen von 18 Prozent vorsieht. Das Haushaltsdefizit Großbritanniens lag bei über 185 Milliarden Euro, was der Schuldendemension Griechenlands gleich kam. Allerdings hatte niemand mit solchen radikalen Sparmaßnahmen gerechnet. Die Randalierer gehen ohne jegliche politische Agenda auf die Straßen, was Rechtfertigung für die Regierung sein dürfte, wieder mehr Sicherheit einzufordern und von Reformen der Reformen abzusehen.